Von Josef Müller-Marein

Als Berlin noch die Hauptstadt des Reiches war, gab es dort eine Garde von Musikkritikern, ohne deren wachen Geist das deutsche Musikleben nie jenes Niveau erreicht hätte, das die ganze Welt bewunderte. Einige von ihnen stellten sogar dann noch bedeutsame künstlerische Kräfte dar, als der Diktator seinen kuriosen Einfall wahrmachte, die Kritik durch "Kunstbetrachtung" ersetzen zu lassen: Mußte doch unter seiner Herrschaft alles so prächtig bestellt sein, daß es auch auf dem Gebiet der Kunst nur noch etwas zu loben, nichts mehr zu tadeln gab.

Dieser Zwang zur Unehrlichkeit bekam den meisten Kritikern nicht, und aus ihren Zeilen ödete die Langeweile den Leier an. Ach, da war es tröstlich, daß es Fred Hamel und seine Berichte in der DAZ noch gab. Das überschwengliche Lob und der erboste Tadel waren seine Sache ohnehin nicht gewesen; sein wissenschaftlicher Geist hatte ihn stets gedrängt, der Werk-Analyse den Vorzug zu geben. Diese Kunst, das Geistige und Stoffliche einer Komposition zu zerlegen und zu deuten, erforderte freilich ein Publikum und eine Zeitung von nicht geringem Rang. Und weil die "Führer" den Kulturteil der DAZ sowieso überschlugen (er war für sie zu "hoch", aber vorläufig wollten sie diese Intellektuellen noch ein bißchen gewähren lassen), hatte Fred Hamel die Möglichkeit, sogar in jener kulturfeindlichen Zeit seine Stimme – nein, nicht zu erheben, sondern in seiner feinen, ruhigen, vielleicht darf man sagen: preußisch trockenen Art sprechen zu lassen.

Andere Kritiker, deren Stärke nicht so sehr die Werkdarstellung, sondern vielmehr das Urteil über die Interpreten war, bewunderten den Mut Hamels, "zwischen den Zeilen" alles, was er wollte, zu schreiben – aber auch alles – und meinten, es sei ihm ein Rest von kritischer Freiheit stillschweigend deshalb zugebilligt worden, weil er die englische Staatsangehörigkeit besaß. (Und es gab ja im "Dritten Reich" eine Zeitlang eine wirkliche Anglomanie, die dann freilich in den wildesten Haß gegen das "perfide Albion" umschlug.) Bei alledem beherrschte Fred Hamel die Kunst, sich vielen Leuten hilfreich zu zeigen und sie sich doch vom Leibe zu halten. Er war still, von einer verborgenen Anmut; er hatte ein stets bereites Lächeln; das schnell erschien und flüchtig verging. Die meisten seiner Bekannten mochten glauben, er ertrüge alles mit anmutiger Leichtigkeit und einer gewissen Zerstreutheit des Gelehrten. Nur wenige Freunde (und ich darf mich rühmen, sein Freund gewesen zu sein) wußten, wie entsetzlich er litt...

Adieux, Fred Hamel! An deiner Urne darf ich klagen, wieviel jene verdammten zwölf Jahre einem Menschen gestohlen haben-, dem es um Kunst, um Menschlichkeit und um Gemeinsamkeit abendländischen Lebens ging.

Als die Zeit kam, da der Teufel als Gott angebetet wurde, war Fred Hamel just dreißig Jahre alt. Er hatte ein vollständiges Musikstudium und das Studium einer technischen Disziplin hinter sich. Wer seine Doktorarbeit über den Barockmusiker Rosenmüller gelesen und wer verfolgt hatte, wie Hamel in kurzer Zeit von der Garde der Berliner Kritiker (deren Urteil die Künstler aus aller Welt nach Berlin lockte, mochten die Reise und die Konzertvorbereitungen kosten, was sie wollten) als einer der Ihrigen aufgenommen wurde, der wußte: dieser Mann ist im Ansatz dazu, etwas Besonderes zu leisten. Er war im Ansprang: da warfen die "Führer" ihm das Brett zwischen die Beine und merkten es nicht einmal.

Immerhin, Fred Hamel hat (gemeinsam mit dem damals in Berlin wohnenden Schweizer Verleger Martin Hürlimann) das "Atlantis-Buch der Musik" herausgebracht: es bietet sich auch heute noch als das beste Werk, wenn es gilt, dem gebildeten Laien die Welt der Tonkunst zu erschließen, und die Lektüre jenes Kapitels, in dem Fred Hamel (der Mitarbeiter wie Richard Strauß, Georg Schünemann und Edwin Fischer herangezogen hatte) einen Abriß der musikalischen Weltgeschichte gibt, ist nicht nur ein Kenntnis- und Erkenntnisgewinn, sondern ein ästhetischer Genuß von hohen Graden.