Bonn, Mitte Dezember

Das Institut für Demoskopie hat ein "Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1957" herausgegeben.

Kaum war das Allensbacher Jahrbuch auf dem Markt, da bekam man die Meinung zu hören, die Demoskopie sei eine verläßlichere Interpretin der öffentlichen Meinung als die Zeitungen, die Demoskopie sei berufen, die Presse in dieser Rolle abzulösen. Das stimmt und stimmt auch nicht.

Man kann mit den Mitteln der Demoskopie zweifellos den Pulsschlag der allgemeinen Erregungen fühlen. Was "Lieschen Müller" im April 1957 sich gewünscht und nicht gewünscht hat, das ist durch "repräsentative" Umfragen recht genau feststellbar. Aber schon im Oktober kann alles ganz anders sein. Denn "Lieschen Müller" steht unter Einfluß, ob sie’s weiß oder nicht. Sie liest Zeitungen, sie hört Rundfunk, sie unterhält sich mit ihren Nachbarn und Bekannten. Ihr "Weltbild" gestaltet sich, und sie weiß nicht, wie...

Die Demoskopie photographiert die öffentliche Meinung, aber die Presse beeinflußt sie; die Zeitungen agieren! Die Demoskopie gibt als Stimmungsbarometer mit ihrem Sekundenzeiger ziemlich richtig an, was die vielen Befragten und die ihnen entsprechende Masse an einem bestimmten Termin von einer bestimmten Sache halten oder nicht halten: eine manchmal sehr wichtige, ja notwendige Kenntnis. Aber man soll diese Kenntnis auch nicht überschätzen! Auf der Konferenz in Genua im Jahre 1922 rief der britische Ministerpräsident Lloyd George seinem französischen Kollegen, als ihm dieser wieder einmal ein Zugeständnis an Deutschland mit dem Hinweis auf die öffentliche Meinung in Frankreich abschlug, verärgert zu: "Die öffentliche Meinung ist doch nicht etwas, was so unverrückbar ist wie die Alpen. Die kann man doch ändern." Zu den Faktoren, die sie ändern können, gehören der Funk, das Fernsehen, der Film, vor allem aber die Zeitungen.

Freilich, die Kenntnis, der herrschenden Stimmung kann dem Politiker wichtige Hinweise geben. Hätte Brüning beispielsweise, ehe er sich im Sommer 1930 zur Ausschreibung von Neuwahlen entschloß, durch repräsentative Umfragen erfahren, wie groß die Chancen der Nazis damals waren und wie also der neue Reichstag voraussichtlich zusammengesetzt sein werde, dann hätte er sich wahrscheinlich nicht zur Auflösung des Reichstages entschlossen. Mit Recht weist das Allensbacher Jahrbuch auf den unseligen Flaggenstreit in der Weimarer Republik hin, den man vielleicht durch eine rechtzeitige Aufklärung über die währe Stimmung der Bevölkerung hätte vermeiden können. Insofern gibt also die Demoskopie dem Politiker sehr beachtenswerte Anhaltspunkte für seine Entschlüsse. Das darf aber nicht dazu führen, daß er dem Banne dieser demoskopisch getesteten öffentlichen Meinung erliegt und sich dadurch zu Entschlüssen hinreißen läßt, deren Mutlosigkeit Lloyd George gegeißelt hat.

In Bereichen abseits der Politik ist es nicht viel anders. Für den Rundfunkintendanten oder den Filmproduzenten kann es von großem Wert sein zu wissen, wie ihre Sendungen oder Filme vom Hörer oder Zuschauer beurteilt werden. Ein gewissenhafter Intendant oder Filmproduzent wird sich allerdings von seinen Hörern oder Zuschauern dennoch nicht ins Schlepptau nehmen lassen. Denn die "spontane" Wirkung auf das Publikum ist nicht immer ein Wertmaßstab. Und "Lieschen Müllers" erste Reaktion auf solche Hervorbringungen ist kein verläßlicher Maßstab für deren dauerhafte Wirkung. Es gibt berühmte Beispiele; dafür...