Asiens moderne politische Aristokratie

Von Hans Walter Berg

Hans Walter Berg, seit vielen Jahren ZEIT-Korrespondent in New Delhi, hat kürzlich auf einer Rundreise viele asiatische Staaten besucht. Was ihm dabei an gemeinsamen Zügen auffiel, und wie er vor allem die spannungsreiche Beziehung zwischen alter Kultur und importierter Ideologie beurteilt, schildert er in diesem Bericht.

New Delhi, im Dezember

In Bogor auf Java hat Indonesiens Staatspräsident seinen prächtigen Wochenendpalast. Das weiße Schloß in einem gepflegten Park voll tropischer Blumen und Sträucher diente früher dem holländischen Generalgouverneur als Sommerresidenz. Wenn Sukarno von seinem Stadtpalast in Djakarta zum Wochenende hierher, nach Bogor, fuhr, dann war die bewaffnete Eskorte, die den Präsidenten auf seinem Ausflug begleitete, gewiß nicht kleiner als die Garde, mit der sich ehedem der Vertreter der holländischen Krone in Niederländisch-Indien umgab.

Wenn in Saigon vor dem Palast des Staatspräsidenten von Vietnam jeden Morgen und jeden Abend die Fahne gehißt und eingeholt wird, dann schmettern zum Trommelwirbel die Clairons genauso wie in jenen Tagen, als hier noch der Generalgouverneur Französisch-Indochinas residierte. Erscheint Präsident Diem in der Öffentlichkeit, so geschieht das nach dem gleichen Protokoll, das am Hofe des französischen Statthalters entwickelt wurde.

Der Palast, den sich die englischen Vizekönige in Indien errichten ließen, wird heute vom indischen Staatspräsidenten Dr. Prasad bewohnt. Wenn der in seiner Lebensführung spartanisch einfache Präsident zu einer offiziellen Funktion den Palast verläßt, fährt er sechsspännig in goldener Staatskarosse, von Lanzenreitern in purpurroten Uniformen umgeben, und die Prozession folgt genau dem Zeremoniell, mit dem hier früher die regierenden britischen Lords den kaiserlichen Thron vertraten.