Von Robert S. Hartman

Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist in den Industrien der westlichen Welt, besonders in Ameka, eine Revolution vor sich gegangen, zu der ein Buch den Text und keine Trompete das ignal gegeben hat. Diese Revolution war unauffällig – so unauffällig, daß sie beinahe unbemerkt geblieben ist. Und doch hat sie Änderungen im eben von Millionen von Menschen gebracht und ringt sie Tag für Tag weiter mit sich.

Die Männer, die diese Revolution machen, sind eine professionellen Revolutionäre. Im Gegenteil, sie sind ziemlich konservative Mitbürger, von Beruf Unternehmer, Angestellte und Arbeiter, Die haben ein neues Prinzip ins industrielle Leben eingeführt: das Prinzip der Partnerschaft von Kapital und Arbeit. Sie sind Erfinder, die ihre vollkommen neuen Ideen nicht nur in der Theorie entwickeln, sondern auch in der Praxis prüfen mußten. In diesem Sinn sind ihre Betriebe soziale Laboratorien, die dabei sind, ein soziales Experiment zu machen. In vielen Fällen ist das Experiment bereits zur Betriebsroutine geworden, wie in den generationenalten Plänen von Lincoln, Loslyn, Sears, Roebuck und anderen. In vielen Fällen ist es ganz bewußt noch ein Experimentieren. Alle diese Pioniere aber sind sich darüber klar, daß ihr Tun mehr ist als bloß individuelles und eigenbetriebliches Suchen nach neuen Wegen: daß es ein Versuch ist, die politische Demokratie aufs industrielle Gebiet zu übertragen.

Diese Wirtschaftsrevolution, darüber sind sich die Pioniere der Partnerschaft klar, kann nicht dadurch geschehen, daß Politiker eine politische Resolution machen, die die fundamentale Ethik und Logik des alten Wirtschaftssystems selbst unberührt läßt. Dies war die Methode des traditionellen Sozialismus, der auf "dialektische" Weise den sozialen "Überbau" veränderte und ihn der Protuktionsmethode "anglich". Die Wirtschaft aber kann wesentlich nicht durch politische, sondern nur durch wirtschaftliche Mittel entwickelt werden: durch die Wirtschaftspartner selbst, die die Produktionsmethode nach den Regeln einer neuen Ethik und einer neuen Logik umformen müssen.

Die neue Ethik sieht den Menschen in erster Linie als Person und nicht als Arbeitsfunktion. Mach der Grundsatzerklärung des amerikanischen Council of Profit Sharing Industries, der offiziellen Organisation der Partnerschaftsbetriebe in Amerika, ist "der wesentliche Faktor des Wirtschaftslebens die menschliche Person". Betrieblich bedeutet dies, daß die Produktionsmethode dem Menschen angeglichen wird und nicht der Mensch der Produktionsmethode. Die menschlichen Beziehungen werden ein integraler Bestandteil der industriellen Produktion. Damit tritt die Ethik als ein schöpferisches Element in den Wirtschaftsprozeß ein. "Keine Praktik und keine Methode im Gebiet der industriellen Beziehungen kann gelingen, wenn nicht hinter ihr der unerschütterliche Glaube an die Würde, Bedeutung und den guten Willen der menschlichen Person steht." Die Ethik wird somit zu einer Dimension der Geschäftsführung. Sie führt zur Vermenschlichung der Produktion; sie richtet sich gegen die alte, von Marx mit Recht gegeißelte "Entmenschlichung" des Arbeiters. Die Arbeitsteilung selbst, das betriebliche Kredo der alten kapitalistischen wie sozialistischen Wirtschaftsweise, erfährt grundlegende Veränderungen.

Dieser neuen Ethik entspricht eine neue Logik. Die Logik der alten Wirtschaftsweise, sowohl der kapitalistischen wie der sozialistischen, ist mechanisch: jedem Minus entspricht ein Plus, jedem Plus ein Minus. Es war eine Logik der Subtraktion, die im Erfolg des einen den Mißerfolg des anderen und im Wohlstand des einen den Übelstand des anderen sah. Nur der konnte nach der alten Logik gewinnen, der anderen soviel wie möglich fortnahm. Die neue Logik ist organisch, eine Logik der Addition: sie sieht den Erfolg des einen im Erfolg des anderen, den Wohlstand des einen im Wohlstand des anderen. Nur der kann nach der neuen Logik gewinnen, der soviel wie möglich fortgibt. Statt sich gegenseitig fortzunehmen und vorzuenthalten – die Arbeiter Leistung, die Arbeitgeber Lohn –, überbieten sich hier die Arbeitspartner im Geben. Auf diese Weise gewinnen alle: höhere Leistung. führt zu niedrigeren Preisen, niedrigere Preise zu höherem Gewinn und höherer Gewinn, an alle verteilt, wirkt als Anreiz zu höherer Leistung.

Die alte Ausbeutung des Arbeiters als eines auf Bruchteile von Sekunden ausgerechneten Leistungsapparats, der in minimale Leistungsfunktionen aufgeteilt und nach ihnen bezahlt wurde, verändert sich zur Partnerschaft von Mitarbeitern. Das Arbeitsverhältnis wird auf eine höhere Stufe gehoben. Der Arbeiter erscheint als Person, die am Erfolg des Gesamtbetriebs interessiert und beteiligt ist. Auf diese Weise entsteht ein "Kapitalismus in der Breite", der, statt auf einige wenige monopolisiert, auf alle Partner im Produktionsprozeß ausgedehnt ist. Die Partnerschaft macht aus Arbeitern Kapitalisten. Auf diese Weise entsteht ein echter, ein neuer Kapitalismus, in dem alle produktiv Tätigen Kapitalisten sind. Verglichen mit ihm ist der alte Kapitalismus der wenigen eine überholte Stufe. Die Arbeiter andererseits, statt das Kapital abzuschaffen und die Expropriateure gemäß dem Marxschen Schlachtruf ihrer Individualität zu expropriieren, appropriieren, erwerben ihre Individualität. Statt die Negation ihrer Individualität zu negieren, bejahen sie die Bejahung ihrer Menschlichkeit durch den Unternehmer. Aus der Marxschen "Negation der Negation", der Verneinung der Verneinung, wird somit die Affirmation der Affirmation, die Bejahung der Bejahung.