Von Joachim Kaiser

Müssen griechische Soldaten unbedingt zuckrig weiße Helme tragen, die aussehen, als hätte ein Konditor sie gebacken?" fragte Marianne, die Opernfreundin, anläßlich der Neuinszenierung von Glucks "Iphigenie in Aulis". Die Antwort, Hein Heckroth, der filmerfahrene Frankfurter Bühnenbildner und Kostümchef, halte ja ohnehin bei jeder denkbaren Gelegenheit (aber auch bei eigentlich undenkbaren) einen vernebelnden Gazevorhang bereit, der die Wirkung grotesker Beinschienen und Farben dämpfen befriedigte sie nicht. Kein Wunder. Man wußte kaum, wohin man wegsehen sollte.

Diese bombastisch-geschmacklose Inszenierung könnte zum Alibi fürs neue Bayreuth werden. Alles sinnliche Glück, das die Oper schenken darf, schlägt um in anachronistischen Cinemascopekrampf, so als sei der Beweis zu erbringen, daß eine große Opernszene sich heutzutage genausowenig entwerfen lasse wie ein Kathedralengrundriß, als sei Wieland Wagners mythisierende Askese wirklich eine notwendige Konsequenz.

Vergnügt auf die jeweils nächste Kostümunmöglichkeit wartend, mag Marianne jedenfalls den Sinn der Gluckschen Reformoper verfehlt haben. Sie kam auch so auf ihre Kosten. Die mühsam ergrübelte Erklärung, man hätte mit dieser Mischung aus Marzipan, Braque, Archaismus und Weihnachtsmärchen dartun wollen, daß Glucks Griechenbild ein barockes Mißverständnis gewesen sei, leuchtete ihr nicht ein. Opern inszenieren, heißt ja nicht, skurrile geistesgeschichtliche Aspekte verwirklichen, sondern einen sinnvollen Gesamteindruck produzieren, der den Sängern hilft, statt sie in den Orkus der Lächerlichkeit zu stürzen.

Arno Aßmann hatte Cimarosas "Heimliche Ehe", die gleichfalls auf dem Spielplan der Frankfurter Städtischen Bühnen steht, geistvoller mißverstanden. Seine Regie zielte darauf ab, den Witz der "komischen Oper" zu verdoppeln – man warf einander mit Obst, stritt um Spiegel, faßte sich schelmisch bei der Hand, kurz: man führte neben der Handlung noch ein Kabarett auf, das wegen der nicht ganz wegzuleugnenden Musik allerdings nicht voll zur Geltung kam.

Marianne meinte, wenn man nicht glaube, diese komische Oper sei an sich schon komisch (weil schließlich Musik und Text nicht ganz zufällig so sind, wie sie sind), brauche man sie eigentlich gar nicht zu spielen.

Es ist sinnlos, da mit ihr zu streiten, obwohl eine Grenze für Einfälle schwerlich festzulegen sein dürfte.