Wien, im Dezember

Der Josefstadt ist es gelungen, einen neuen "österreichischen" Autor zu entdecken: Arthur Miller, dessen "Blick von der Brücke" dieser Tage in Wiens einstigem Reinhardt-Theater startete. Der Vater des "Hexenjagd"-Autors, so erfuhr man bei dieser Gelegenheit, sei aus Österreich in die USA eingewandert und habe hierzulande schlicht Mahler geheißen. Von den europäischen Ahnen ist allerdings in "A View from the Bridge" nur insofern etwas zu merken, als diese amerikanische Tragödie dort, wo sie ein Moment urtümlicher Leidenschaft ins Spiel einbezieht, dieses durch italienische Einwanderer symbolisiert.

Knapp zuvor hatte man in diesem Theater, dessen Stärke die erlesene schauspielerische Kammermusik ist, die italienische Welt unmittelbar kennengelernt – nämlich die deutsche Erstaufführung einer italienischen Komödie mit zeitsatirischem Ehrgeiz erlebt. "Der schönste Tag" nannte sich in Wien das Werk, das sein Autor, Umberto Morucchio, "Metallurgische Tiscornia" betitelt hat. Die Geschichte von dem Fabrikanten, der, der ewigen Streiks müde, die Fabrik seinen Arbeitern schenkt und geduldig abwartet, bis die neuen Herren sich unpopulär gemacht und das Unternehmen an den Rand des Ruins gewirtschaftet haben, hat sich so ähnlich tatsächlich einmal in Oberitalien zugetragen. Hier wie dort endete sie mit der Rückberufung des vormaligen Herrn.

Die glücklichen Italiener besitzen seit Jahren etwas, was der deutschen Bühne durchaus fehlt: die Gabe, brennende Zeitprobleme heiter zu präsentieren. Sie haben sogar so etwas wie einen "Zeitschwank" geschaffen. Dieser amüsanten Gattung ist auch Morucchios satirisches Spiel zuzuordnen. Man muß derlei freilich mit federleichter Hand spielen, völlig aus der Laune und der lockeren Improvisation heraus. In Wien nahm Werner Kraut als Regisseur die soziale Problematik ein wenig schwer. Willy Birgel als Industrieller ist zudem eher ein grundsolider hanseatischer Firmenchef als ein italienischer furbone. Dennoch gab es eine Aufführung voll Laune und Spieltemperament, in der sich vor allem Guido Wieland als Gewerkschaftsboß außerordentlich amüsant in den Vordergrund spielte. Das Theater in der Josefstadt hat das Stück nicht ohne Bangen vor den zu erwartenden politischen Gekränktheiten gestartet. Sie blieben völlig aus, und der "Schönste Tag" gehört seit seiner Premiere zu den bestbesuchten und meistbelachten Stücken.

Otto F. Beer