Ein Junggeselle, wie er im Bilderbuch steht, hat bekanntlich ein beneidenswertes Dasein. Für niemand zu sorgen, keinen Ärger mit Kindern, keine Frau, die Ansprüche stellt. Was er verdient, gehört ihm allein. In seiner Freizeit kann er tun und lassen, was ihm beliebt, und natürlich verbringt er jeden Abend mit einer anderen, wenn er auch aus Diskretion vorgibt, meistens allein zu Hause zu sitzen.

Dem Eingeweihten nötigt solcher Unsinn nur ein grimmiges Lächeln ab. Nicht daß alle Junggesellen sich dumpfer Verzweiflung hingäben und nur zwischen Suff und Selbstmordgedanken dahinvegetierten. Hat einer allen Anfechtungen widerstanden und sich eine solide Reputation als unverbesserlicher Einzelgänger erworben, hindert ihn nichts, sich sein Leben ganz passabel einzurichten. Er hat seinen Beruf, seine Liebhabereien, eine bescheidene möblierte Häuslichkeit, Bekannte und Freunde.

Ja, wenn er Glück hat, kann er in einer bekannten Familie vom Feiertagsgast zum unentbehrlichen Hausfreund avancieren und die Freuden des Familienlebens mitgenießen, ohne dessen Schattenseiten in Kauf nehmen zu müssen. Er hat auch etwas zu bieten. Die Kinder haben einen stets zu Späßen aufgelegten Onkel, der Mann einen verläßlichen Freund und die Frau des Hauses einen Verehrer, der sie mit Aufmerksamkeiten verwöhnt, die dem Gatten schon lange nicht mehr in den Sinn kommen.

Einmal im Jahr gerät dies Gebäude ins Wanken. Was tut der Junggeselle am Weihnachtsabend? Theater und Kinos spielen nicht, die Gastwirtschaften haben zugesperrt, die Straßen sind ausgestorben. Weihnachten ist ein Fest der Familie, den Weihnachtsabend verbringt man zu Hause.

Soll der Junggeselle sich mit einem Schicksalsgenossen zusammentun? Zwei gerührte alte Esel unter einem Weihnachtsbaum vereint? An diesem Abend ein weibliches Wesen einladen, heißt sich freiwillig die Schlinge um den Hals legen lassen. Bleibt als Glücksfall die Einladung in ein Haus, wo sich, einzeln oder paarweise, Menschen zusammenfinden, die alle nicht sehr verwurzelt sind und es in heiterer Gesellschaft vergessen möchten.

Natürlich denkt die Wahlfamilie an den Freund. Du kommst doch am Heiligen Abend? Erscheint er, schlägt ihm eine .warme Welle menschlicher Verbundenheit entgegen, in die auch er mit eingeschlossen ist. Aber ganz das Rechte ist es doch nicht.

Am Ende handelt am klügsten, wer zu Hause bleibt und den Abend bei einer Flasche Wein, einem guten Buch und ein paar schönen Schallplatten allein hinter sich bringt. Dafür bereitet man ihm am ersten Feiertag einen Empfang wie dem heimgekehrten verlorenen Sohn. Die Kinder brennen darauf, ihre Geschenke zu zeigen, die Erwachsenen, zu erzählen, wie der Weihnachtsabend verlaufen ist. Es war nur schade, daß du nicht hier warst, heißt es, du hast uns allen gefehlt. M.W.