Von Rudolf Walter Leonhardt

Wenn man sieht, wieviel Großartiges schon geschrieben worden ist, dann möchte man selber keine Zeile mehr schreiben! Jeder, der sich dem Geschäft des Schreibens ergeben hat, kann den in dieser Form von Goethe übernommenen Stoßseufzer wohl zuweilen nachempfinden. Es sei denn, er gehörte zu jenen beneidenswert ungehemmten Geschöpfen wie jener Mann, der ein Buch, das ihm empfohlen wurde, ablehnte mit den Worten: "Nein danke, ich schreibe selber."

Am Ende hat sich doch kaum jemand durch den Gedanken an die bereits vorliegenden Schätze der Literatur von der "Produktion" abhalten lassen – was in Goethes Falle auch schade gewesen wäre.

Dieser Gedanke an den überwältigenden Reichtum von Büchern – Dramen, Erzählungen, Gedichten, gelehrten Abhandlungen – aus drei Jahrtausenden der Weltliteratur muß von Zeit zu Zeit einmal wieder beschworen werden. Schließlich ist er es, der die Moderne geistig rechtfertigt. Er erklärt die Ungeduld des Literaten mit allem Epigonenhaften, Nachempfundenen, Schon-einmal-Dagewesenen, Noch-einmal-aufgewärmten.

Wie oft habe ich von lieben und klugen Freunden der Literatur auf die Kritik "XYZ hat nichts Neues zu sagen" (für XYZ könnten recht illustre Namen stehen, wenn es nicht Weihnachten wäre) die etwas ungeduldige Gegenfrage gehört: "Warum muß denn immer etwas Neues gesagt (gebildet, gemalt, komponiert) werden?" Weil, so eben lautet die Antwort, das Alte – oft viel besser – schon vorliegt. Ein bereits gepflügtes Feld noch einmal umzupflügen, ist zu sinnlos, als daß der Fleiß, die Leistung, die zweifellos auch darin liegen mögen, hohe Anerkennung erwarten dürften.

Das ist die eine Seite. Die andere wird vertreten von der Pseudo-Moderne. Sie glaubt, das Neue zu schaffen, indem sie das Alte nicht weiterentwickelt, umformt, überwindet – sondern einfach ignoriert. Die Pseudo-Moderne, die der Pseudo-Kultur einer hektischen, schnell-lebigen Zeit zugeordnet scheint, ist immer bereit, Nullpunkte zu setzen: Erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, Atomzeitalter, Weltraum-Ära – und dann geht es ganz von vorne los, meint man.

Wer könnte sie nicht begreifen, die ewige Sehnsucht des Künstlers, eigenes zu leisten, indem er den Ballast des Ererbten abschüttelt? Aber das ist schließlich, wie wenn einer seine alte, sündige Haut abschütteln wollte, um ein neuer Mensch zu werden. Die Vergangenheit ist immer mit uns, ob wir es wissen oder nicht, ob wir Spaß daran haben oder nicht.