Von Zeit zu Zeit tauchen in den diplomatischen Kanzleien neue Lösungsvorschläge für den arabisch-israelischen Konflikt auf. Der Gedanke, diesen Streit endlich einmal aus der Welt zu schaffen, nachdem er seit fast einem Jahrzehnt die Atmosphäre im vorderen Orient vergiftet, ist verlockend genug. Je schwieriger die Lage im mittleren Osten für die Westmächte wird und je mehr die Russen von jenem Gegensatz profitieren, den sie seinerzeit durch ihre Zustimmung zum Teilungsplan der Vereinten Nationen selber heraufbeschwören halfen, desto anziehender muß verlegenen Diplomaten jede Idee erscheinen, die den Weg von dem unbehaglichen und ständig durch Zwischenfälle gefährdeten – Waffenstillstand im Heiligen Land zu einem Kompromißfrieden freizulegen verspricht. Aber noch immer hat es sich gezeigt, daß alle noch so kühnen Anläufe schnell in die Sackgasse zurückführten.

Das wird auch ohne Zweifel das Schicksal der Ungstein Initiative dieser Art sein, die von den Mächten des Bagdad-Paktes lanciert worden ist. Die Anregung scheint diesmal vom Irak auszugehen. Iraks "großer alter Mann" Nuri es-Said benützte seine Amerikareise, um dafür Stimmung zu machen. Und es ist ihm offenbar gelungen, nicht nur die Türken für seinen Vorstoß zu gewinnen, sondern sich auch britischer Sympathien zu vergewissern.

Dies ist nicht verwunderlich, weil er im Grunde nur einen Vorschlag aufgreift, den Eden schon Tor drei Jahren in seiner damals vielbeachteten Guildhall-Rede angedeutet hatte: Die arabischisraelische Verständigung solle durch territoriale Verzichte Israels herbeigeführt werden... Bekanntlich sind die Israelis im Laufe des Palästina-Krieges weit über jene Grenzen hinaus vorgedrungen, die im Teilungsplan für den jüdischen Staat vorgesehen waren, und sie haben an ihren damaligen Eroberungen um so zäher festgehalten, als sie nur durch deren Besitz überhaupt in den Stand gesetzt worden sind, die Verteidigung ihres kleinen Landes mit einiger Aussicht auf Erfolg zu organisieren. Auch jetzt wiederum hört man aus Jerusalem und Tel Aviv nur ein kategorisches Nein zur Neuauflage des mittelöstlichen Eden-Hans; und da Israel der diplomatischen Unterstützung Frankreichs gewiß sein kann – während die USA sich gegenüber den Anregungen Nuris äußerst reserviert verhalten –, wird auch dieser Lösungsversuch genauso rasch und genauso ergebnislos verblühen wie alle früheren.

Man kann auch nichts anderes erwarten. Die Israelis sind überzeugt davon, daß keine wie immer geartete Konzession, die zuzugestehen in ihrer Macht läge, die arabische Feindschaft zu überwinden vermöchte. Nicht diese oder jene Grenzziehung, sondern die Existenz des israelischen Staates gilt als der Stein des Anstoßes, den die Araber aus dem Wege räumen wollen. Tatsächlich spricht man es in den arabischen Hauptstädten offen aus, daß ein territoriales Entgegenkommen der Juden nur die "Aufgabe" der Araber erleichtern würde, die verhaßten Eindringlinge "ins Meer zu werfen". Unter solchen Umständen muß aber Israel fürchten, seinen Bestand zu gefährden, wenn es sich bereit fände, irgendeine einmal gewonnene Position wieder aufzugeben. Von internationalen "Garantien", die ihm etwa im Austausch gegen solche Verzichte angeboten werden könnten, halten seine Politiker wenig. Mit den Arabern hoffen sie aus eigener Kraft fertig zu werden, und eine russische Intervention auf arabischer Seite würde nach ihrer Meinung auch ohne formelle Garantie auf jeden Fall die Amerikaner zum Eingreifen zwingen.

Aber auch jenes Argument zugunsten des neuen Planes, von dem sich seine Befürworter die beste Wirkung versprechen, scheint einigermaßen fragwürdig: das Argument nämlich, daß der Westen durch die offizielle Annahme eines solchen Vermittlungsvorschlags seine Stellung in der arabischen Welt verbessern und dadurch den sowjetischen Einfluß zurückdrängen könnte. Zweifellos hoffen Bagdad und Ankara, den vergilbten Glanz des Bagdad-Paktes etwas aufpolieren zu können, wenn es ihnen gelänge, die westlichen Großmächte für ihre Ansicht zu gewinnen. Aber selbst dieser Gewinn wäre so lange recht unsicher, als es den Russen freisteht, die westlichen Angebote auf israelische Kosten jederzeit durch noch weitergehende – und sei es noch so irreale – Offerten zu überbieten. Wer die arabische Mentalität ein wenig kennt, der weiß, daß die Araber nun einmal dazu neigen, den Spatzen in der Hand geringer zu schätzen als die Taube auf dem Dache. Fritz René Allemann