Mit Indonesiens Wirtschaft steht es schon lange nicht gut. Bereits vor Jahren war die Handelsbilanz aus dem Gleichgewicht geraten. Da sich der Export rückläufig entwickelte, nahm auch die Golddeckung der Währung ständig ab; sie unterschritt schon vor längerer Zeit die gesetzliche Grenze von 20 v. H. und dürfte heute unter zwölf v. H. liegen. Ein ehrgeiziger „Fünfjahresplan“ hat den Staatshaushalt in Unordnung gebracht. Das diesjährige Defizit dürfte 6 Mrd. Rupiahs erreichen; 1956 waren es „nur“ 2,1 Mrd. Rs. gewesen. Der Notenumlauf schwoll im Verlauf auch dieses Jahres ständig an, und demgemäß bewegten sich auch die Preise ohne Unterlaß nach oben. In Indonesien grassiert praktisch die offene Inflation.

Das seiner Bevölkerung nach sechsgrößte Land der Erde, das mit seinen landwirtschaftlichen und mineralischen Hilfsquellen von Natur aus reich gesegnet ist, vermochte aus der Erlangung der Souveränität vor acht Jahren keinen. Nutzen zu ziehen. Das Verhältnis zu den Holländern, die Insulinde nicht nur gut verwaltet, sondern auch zu wirtschaftlicher Blüte gebracht hatten, und die auch nach 1949 die Wirtschaft des Landes weitgehend trugen, ist von Jahr zu Jahr unfreundlicher geworden; am 5. Dezember kam es dann zum Ausbruch der offenen Feindschaft, zu Aufruhr und Krawallen. – Nunmehr werden 50 000 Holländer, auf deren Tätigkeit die Wohlfahrt Indonesiens zum großen Teil beruhte – bislang lagen 80 bis 90 v. H. des indonesischen Außenhandels in den Händen von Ausländern –, das Land verlassen. Auch diejenigen, welche nicht durch unmittelbaren staatlichen Druck zur Ausreise veranlaßt werden, dürften es nunmehr vorziehen, ihren Lebens- und Wirkungsbereich außerhalb des indonesischen Archipels aufzuschlagen, da niemand mehr ihr Leben, geschweige denn ihren Besitz zu garantieren in der Lage ist. Das hat auch der Botschafter Indonesiens in Bonn, Dr. Zain, in der vergangenen Woche in Hamburg offen zugegeben.

Diktatoren und Militärs haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine einseitige Verbrauchermentalität. Wirtschaft ist für sie eine Ansammlung von Sachanlagen, die man nach irgendwelchen Maßstäben „verteilen“ kann. Der Prozeß des Wirtschaftens, die Produktion selbst und ihre vielfältigen Voraussetzungen, die Funktionen des Handels, der Banken, der Versicherungen und vor allem die Rolle des „Vertrauens“ im wirtschaftlichen Verkehr, sind Fakten und Vorgänge außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Vielleicht glaubt man in Djakarta wirklich, man brauche den Handels- und Zahlungsverkehr nur unter „Kontrolle“ zu stellen, und die Geschäfte liefen wie ehedem. Daß Handel und vor allem Welthandel Partnerschaft voraussetzt, ist eine Vorstellung, die in manchen Ländern schwer begriffen wird. Man vermag offenbar in Djakarta nicht zu sehen, daß mit dem Abzug der Kaufleute, der Bankiers, der Plantagenbesitzer, der Techniker, der Seeleute und sonstiger Sachverständiger dem eigenen Haus der Mörtel entzogen wird. Man scheint nicht die weittragenden Gefahren zu erkennen, die sich aus einer Herauslösung der indonesischen Wirtschaft aus der internationalen Zusammenarbeit ergeben, aus der Weltwirtschaft, mit welcher gerade dieses Land durch vielfältig verschlungene und fein aufeinander abgestimmte Beziehungen verbunden war. Mit dem Abzug der niederländischen Firmen werden die Kunden und Lieferanten Indonesiens in aller Welt ihre bisherigen Kontrahenten verlieren, und es ist mehr als fraglich, ob etwa Chinesen und Japaner – also wiederum Ausländer – in der Lage sein werden, die entstandenen Lücken auch nur zu einem kleinen Teil auszufüllen.

Bereits beginnen sich die Folgen dieses Kraftakts fühlbar zu machen. Der Anstieg des Kautschukpreises an den internationalen Börsen ist eindeutig das Ergebnis des zumindest teilweisen Ausfalls der indonesischen Lieferungen. Die Zinn-Notierungen, die erst kürzlich stabilisiert wurden, dürften folgen. Vor allem beginnt das innere Wirtschaftsgefüge Indonesiens aus den Fugen zu geraten. Nachdem bereits von Juni bis November die Lebenshaltungskosten um 36 v. H. gestiegen sind, gehen jetzt die Preise offenbar unaufhaltsam nach oben. Reis, das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung, ist zur Mangelware geworden; das Kilo kostet derzeit bereits 10 Rs. (etwa 2 DM).

Auch die Handelsbeziehungen mit Westdeutschland sind durch die neugeschaffene Situation stark gefährdet. Die Risiken, nach einem sich in latenter Revolution befindlichen Lande zu liefern, sind kaum übersehbar. Äußerste Zurückhaltung ist daher die Parole, die in der deutschen Kaufmannschaft gilt; denn gerade für sie steht viel auf dem Spiel.

Der deutsch-indonesische Handel ist umfangreich; er erreichte im Jahre 1956 ein Volumen von 600 Mill. DM. Während die Einfuhr indonesischer Waren in den letzten Jahren über ein eingespieltes Niveau nicht mehr hinausgelangte und im letzten Jahre sogar einen nicht unbeträchtlichen Rückgang erfuhr, hatte die Ausfuhr im Jahre 1956 einen Höchststand erreicht. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat sich die Einfuhr mit 278,5 (272,1) Mill. DM etwa auf der Höhe des Vorjahres gehalten, während der Export anstieg und 266,2 (236,3) Mill. DM erreichte. Aber – und diese Einschränkung ist für die neue Sachlage überaus wichtig – der größte Teil der Bezüge an indonesischen Waren gelangte auf dem Transitweg in die Bundesrepublik. In diesem Jahre hatten die direkten Einkäufe an der Gesamteinfuhr aus Indonesien einen Anteil von nur 24 v. H.; mehr als drei Viertel der Importe wurden über ausländische, in erster Linie holländische Firmen abgewickelt.

Die Niederlande dienten aber nicht nur im Verkehr mit Westdeutschland als Drehscheibe; die holländischen Handels- und Börsenplätze waren in hohem Umfang auch Mittler im Handel zwischen Indonesien und einer Vielzahl anderer Länder. Dieses Netz gut funktionierender und eingespielter Beziehungen steht nun vor der Auflösung. Es ist verständlich, daß sich in Indonesien sofort die Vorstellung aufdrängte, daß man einen „Ersatz“ beschaffen müsse, und plötzlich war die Bundesrepublik Deutschland, war Hamburg im Gespräch.