Von Paul Hühnerfeld

Gegen die Unruhe des politischen sticht die Ruhe unseres gesellschaftlichen Lebens ab. Optimisten glauben, daß wir in Westdeutschland den Weg zurückgehen in eine heile bürgerliche Welt; Pessimisten halten die gegenwärtige Ruhe für eine Grabesruhe, die Bürgerlichkeit für Klischee, die sich wieder stabilisierende Ordnung für Heuchelei. Hier kann nicht entschieden werden, wer recht hat – hier geht es nur darum, ein Buch anzuzeigen, das mitten in diese Problematik gestellt ist, nämlich:

Martin Walser: "Ehen in Philippsburg." Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 420 S., 16,50 DM.

Walser, heute ein Dreißigjähriger, hat sich mit Hörspielen und einem Kurzgeschichtenband bereits einen Namen gemacht. Jetzt legt er seinen ersten Roman vor – einen Roman, den man mit großer Hoffnung in die Hand nimmt. Wird Walser diese Hoffnungen erfüllen?

Das Thema ist schon angedeutet. Jetzt sei’s genau angegeben: Ein junger Mann kommt in die Stadt, ins große Philippsburg, eine Metropole des deutschen Wirtschaftswunders. Durch eine Studienkollegin gelingt ihm der Eintritt in die Philippsburger Gesellschaft. Er verkehrt mit Rundfunkintendanten, Anwälten, Chefredakteuren, Industriellen – kurz mit Menschen, die an sich selber ein kleines Privat-Wirtschaftswunder vollzogen haben.

Wenn man so weit im Buch ist, bekommt man einen Augenblick Angst: Wird Walser nun zu einem sogenannten "sozialkritischen Roman" ausholen und wieder einmal beweisen, was für Schurken diese reichen Leute sind und daß nur in der Gesindekammer oder bei den Straßenarbeitern vor der Villa edle Herzen schlagen?

Nein, Walser geht subtiler und deshalb wahrhaftiger vor. Er beobachtet die Ehen dieser Gesellschaft, er zeigt die Frauen und Geliebten dieser erfolgreichen Männer. In vier einzelnen Geschichten entlarvt er diese sich so seriös-bürgerlich gerierende Gesellschaft, genau da, wo das echte Bürgerliche sein Fundament haben soll: in der Ehe. Denn keine dieser Philippsburger Ehen ist in Ordnung: die eine wird zusammengehalten durch Ehrgeiz, die andere durch Gewohnheit, eine dritte nur deshalb, weil es in der Gesellschaft als Skandal empfunden wird, sich scheiden zu lassen.