Vielleicht wäre die Welt besser, sicherlich aber wäre sie schöner, wenn überall das Bessere dem Minderen vorgezogen würde: wenn zum Beispiel am Heiligen Abend in den Stuben (soll es schon Musikkonserve sein und nicht Familiengesang), statt der allzu üblichen "Weihnachtsplatten" die Aufnahme erklänge, die das Kennwort "Capella" trägt. "Capella" heißt eine Sammlung von Schallplatten evangelischer Kirchenmusik: Professor Dr. Wilhelm Ehmann (Herford) wirkt dabei als Herausgeber, Karl Merseburger (Darmstadt-Eberstadt) als Verleger, die TELDEC (Hamburg) als Herstellerfirma. Und die "Weihnachtsplatte", von der hier lobend die Rede ist, enthält zwei alte Christgeburtlieder: "In dulci jubilo", zwei-, drei- und vierstimmig gesetzt von Michael Praetorius, und "Josef, lieber Josef mein", in vierstimmigen Sätzen von Johann Walter und Erhard Bodenschatz. Ausführende: Die Westfälische Kantorei. – Die Platte soll, wie ihr Verleger schreibt, "ein Gegenstück zu den üblichen Weihnachtsschnulzen" sein ...

Freilich, wenn das Weihnachtsfest – dies Ereignis, das noch am ehesten die Gemüter aufschließt – uns zum Anlaß würde, auf den süßen Klingelkitsch zu verzichten und das echte, starke Volkslied im Gewande hoher, klarer Kunst dafür einzutauschen, wie herrlich wäre das! Aber die braven Choristen und Musici von der Westfälischen Kantorei, die mit ihren jungen ungekünstelten Stimmen und ihrem klangreinen Spiel (klangrein sogar im Blockflöten-Quartett!) den herzhaften und so ganz und gar unsentimentalen Ton der alten Meister vorzüglich treffen, sie können gewiß sein, daß ihre wunderschöne weihnachtliche Aufnahme es mit der Unmenge der anderen, der viel zu vielen Weihnachtsplatten vom Geschmack der "Süßer die Glocken nie klingen" gar nicht aufnehmen kann. Die "Schnulzen" sind und bleiben auch zur Zeit der brennenden Kerzen in der Überzahl.

Immerhin: ein Gegenstück. Es wird ein Gegenstück bleiben, solange nicht die Leiter der Massenapparate Funk, Fernsehen, Film und Schallplattenfirmen den rigorosen Entschluß fassen, niemals mehr Kitsch aufs Volk loszulassen, nicht einmal zur Weihnachtszeit; aber zu solch einem Vorsatz werden sie sich natürlich niemals durchringen. Und so kann die liebe Welt nicht schöner werden, da nun einmal diejenigen, die das Bessere dem Minderen vorziehen, in der Minderzahl sind.

Da hilft nur ein Trost: Kitsch vergeht, Kunst besteht. Und so wird, wenn nach hundert Jahren ein Exemplar der "Capella"-Platte den Nachgeborenen in die Hände fällt, diese Nachwelt sagen: "Welche Höhe der Kultur! Wie liebten unsere Urgroßeltern doch das Echte und Wahre! Und das zumal zum Weihnachtsfest!..." J. M.