Die Bekleidungsindustrie ist jung. Ihre Tradition reicht – von Vorläufern abgesehen – meist kaum über drei Generationen hinaus. Firmen mit Goldjubiläum rechnen zu den "Senioren" dieser Branche. Die Öffentlichkeit kennt die Modeschöpfer von Paris und Berlin, aber kaum die großen Namen der Konfektion, die nicht nur die "Upper Ten", sondern die Millionen Normalverbraucher kleiden. Namen, die Begriffe wurden, sind hier noch selten. Zu den Wenigen, die ihre Erzeugnisse "vermarken" und seit Jahren einen gleichbleibenden Rang in den Schaufenstern behaupten, gehört das Ehepaar Zinner-Gläser.

Wie so viele echte Berliner wird Helmut Gläserin Breslau (1909) geboren. Man singt: "Puppchen, du bist mein Augenstern" und die Hausschneiderin regiert den Kleiderschrank der Bürgerfamilien. Wohl versuchte schon um die Jahrhundertwende Rudolf Herzog in Berlin, die Konfektion salonfähig zu machen und warb für seine Waren mit Katalogen auf den Gütern des preußischen Landadels, der damals den Ton angab. Aber gute Familien hielten so etwas noch für einen Fehltritt des Geschmacks und sprachen nicht darüber. Wer etwas auf sich hielt, ließ in einem Salon nach Original-Pariser-Modebildern arbeiten. Konfektion nannte man geringschätzig "von der Stange". Sie war allenfalls etwas für arme Leute. Die neue Industrie fing mit Stapelartikeln, mit den Kittelschürzen und dem Servierkleid an.

Der erste Weltkrieg brachte Tempo in die Entwicklung. Das Militär hatte zur Deckung seines gewaltigen Bedarfs industrielle Betriebsformen entwickelt, die nach Fortfall des uniformierten Auftraggebers mit mehr oder weniger großem Erfolg dann auch auf zivile Fertigung umgestellt wurden. Der Hausvogteiplatz in Berlin wurde der neue Begriff der Konfektion nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Hier schaffte man es, der zunächst aus reinen Nützlichkeitserwägungen geborenen jungen Industrie den modischen Schwung zu verleihen und sie unter dem zündenden Namen "Berliner Chic" populär zu machen. Die Industriestatistik stellt 1925 hier bereits ein Zentrum fest. 784 Betriebe mit über 300 000 Beschäftigten, vorwiegend Frauen, die von Herrenhosen bis zu Damenmänteln die ganze Breite des Bedarfs decken. Daneben bilden sich regionale Zentren, in Breslau, Stettin und Aschaffenburg.

In seiner Heimatstadt in Breslau, genießt der junge Helmut Gläser seine Ausbildung in verschiedenen Betrieben. Was er hier lernen kann, ist aber vor allem die technische und kaufmännische Seite des Berufs. Die Kombination, die den Erfolg garantiert – das spürt er schon als Lehrling –, die preissenkende Serie mit dem modischen Elan, das gibt es nur in Berlin. Dorthin wollte und zog es den 19jährigen. Was ihm zur Reife noch fehlt, bringen ihm dieBerliner bei. 1931 wagt er, kaum mündig, den Sprung in die Selbständigkeit. Das war auch damals nicht einfach, aber Gläsers Motto war: "Besser klein anfangen und groß werden, als umgekehrt." Mit einer Handvoll Leuten, gestützt auf das Berliner Zwischenmeistersystem – Zuschnitt im Betrieb, Nähen in Heimarbeit –, gelingt es ihm bald, mit Spezialitäten am Markt Fuß zu fassen. Damals kam der Trenchcoat auf. Helmut Gläser wird einer seiner ersten Pioniere. Seine Modelle zeichnen sich durch saubere Verarbeitung und elegante Schnittführung aus. Der Erfolg kommt langsam, aber er kommt. Bei Kriegsausbruch ist Gläser bereits Chef eines 250-Mann-Betriebs, der eine Wochenproduktion von 1200 bis 1500 Mänteln auf den Markt werfen kann. Im Kriege wird er dreimal ausgebombt.

Kurz bevor es endgültig aus ist und die Schlacht um Berlin beginnt, lernt Gläser bei einer der so selten gewordenen Theateraufführungen – meist durch Luftalarm jäh unterbrochen – seine spätere Frau und Geschäftspartnerin Marianne Zinner kennen. Marianne Zinner war Künstlerin. Sie hat nie vorher daran gedacht, ihr Zeichentalent und ihre modischen Ideen außer für den eigenen Bedarf auch für andere und schon gar nicht etwa industriell auszuwerten. Der totale Krieg stellt sie vor die Wahl der Dienstverpflichtung in einem Rüstungsbetrieb, oder auf den Vorschlag Helmut Gläsers einzugehen und sich der modischen Beratung seines Unternehmens zu widmen. Aber was hieß 1944 noch Mode? Die deutschen Frauen trugen die Zivilhosen ihrer Männer und Kopftücher. Um so wichtiger scheint es Marianne Zinner, das Fünkchen Charme und Mode nicht sterben zu lassen.

Der Zusammenbruch sieht die beiden im letzten, vom Erfassungskommando verschonten Automobil auf der Flucht. Nach mancherlei Umwegen und Irrfahrten wird Hof in Bayern erreicht, wohin der Rest der Vorräte verlagert war und wo schon Näherinnen und ein Betrieb auf den Chef warteten.

Dieses gerettete Stofflager würde heute auf keinem ländlichen Jahrmarkt mehr verkauft werden können. 1945 war es Gold wert. Helmut Gläser fängt sofort wieder an. Katastrophen können nur durch Arbeit überwunden werden. Er ist der erste Unternehmer, der in Hof wieder produziert. Alles staunt und gratuliert. Nur die Spruchkammer nicht. Schließlich war in Bayern ein Kommunist "Befreiungsminister". Seine Anhänger wollen versorgt werden, und die Firma Gläser hat ein 637 000 qm Stoff enthaltendes Lager. Das reizt. Ein solches Unternehmen muß man sich unter den Nagel reißen. Das Schreckensregiment der Treuhänder beginnt. Es dauert zwei Jahre. Verdächtigungen werden aus der Luft gezaubert, um Beschlagnahmegründe zu finden. Bis sich die Anklagen in nichts auflösen, haben die Stoffballen das gleiche Schicksal erlitten. Ob einer von ihnen den vom Wirtschaftsamt vorgeschriebnen Bezugsscheinweg gegangen ist – wer weiß es? Treuhänder und Stoffe verlieren sich im Dunkel dieser trüben Zeit ... Gläser muß sich der Verhaftung, die weniger seiner Person als seinen Stoffen gilt, durch die Flucht in die britische Zone entziehen. Diesmal führt der Fluchtweg nach M.Gladbach, wo sich Bekannte und alte Lieferanten für ihn einsetzen. Sein einziges Gepäck sind Ideen, Kenntnisse und Erfahrungen – herzlich wenig und doch sehr viel. Im halbzertrümmerten Bau eines Lazaretts findet er Unterschlupf. Er läuft von Pontius zu Pilatus und fängt wieder an. Die Leidenschaft, selbständig zu sein, etwas aufzubauen, läßt ihn nicht los. Aber es scheint doch sicherer, den zweiten Nachkriegsstart unter dem Mädchennamen seiner Frau, Marianne Zinner, zu führen.