Schwer faucht die Lokomotive, und auch die Autofahrer auf der nahen Straße müssen auf das Gaspedal treten. Der kleine Moränenhügel ist jedoch rasch überwunden und gibt den Blick frei auf den schlanken spitzen Kirchturm und schmucke Bauernhäuser, deren Dächer eine dicke Schneehaube aufgesetzt bekommen haben. Bevor die Berghänge himmelwärts streben, zeichnet sich eine makellose weiße Fläche ab – der Schliersee, der auch dem Ort seinen Namen gegeben hat. Schliersee hat einen Sackbahnhof. Hier endete einst das Gleis der Eisenbahn – damals, als die Bergwelt noch scheu gemieden wurde und niemand auf den Gedanken gekommen wäre, sich ausgerechnet im Winter im tiefen kalten Pulverschnee zu tummeln.

Indessen wurden die Kuppen, Gipfel und Hänge südlich der heutigen Bahnlinie Schliersee-Bayrischzell schon um die Jahrhundertwende von wackeren Schneeschuhläufern "entdeckt". Nicht zu unrecht wird deshalb dieser Landstrich als "Wiege des bayerischen Wintersports" bezeichnet. Heute suchen Tausende hier ihr Skiglück – und finden es.

Das muntere Skivolk, das da im Omnibus über die Alpenstraße oder per Seilbahn dem 1100 Meter hoch liegenden und jetzt unter einer dicken Eisschicht verborgenen Spitzingsee zustrebt, schätzt den kleinen, nierenförmigen See als den Mittelpunkt eines ausgedehnten Skitummelplatzes. Ein kleines Touristendorf, das den Namen St. Bernhard bekam, und ein Kirchlein, Hotelbetten, Matratzenlager und ein paar Läden aufweist, ist am Seeufer entstanden, und hier trennen sich – je nach Gesinnung – auch die Wege der Brettlrutscher: Im Westen ist das Revier der Liftfahrer, im Osten das der Tourenläufer, im Süden, wo entlang der Roten Valepp das Tal sanft abfällt, das Reich der Wanderer durch den Winterwald.

Schwebt man erst einmal im Sessellift zum 1550 Meter hohen Stümpfling empor, dann kann man alles ein wenig überschauen: sanfte Mulden, schwungvolle weiße Hänge, dazwischen Wald, im Südwesten der langgestreckte Kamm des Sonnwendjochs mit seinen abweisenden Felswänden, gegenüber der breite baumlose Rücken des Lempersberg, dann das Wilde Fräulein, das gar nicht so wild aussieht, und im Norden, die pyramidenförmige Brecherspitze. Nichts und auch nicht alles zusammen ist so großartig, daß es fasziniert, daß es einem den Atem verschlägt. Nein. Es ist alles ganz einfach schön.

Aber schon ist man auf dem Stümpfling, und da heißt es: Abfahren. Über die zahmen Schneewiesen der Lyrapiste oder (nach einem kurzen Anstieg) über die steilen Hänge des Roßkopf, oder mit ein paar großen Schwüngen hinüber zur Firstalm, die zu Berühmtheit gelangte, weil sich in ihrer Umgebung am Faschingssonntag die Münchener Maschkera (Maskerade)-Brettlrutscher im Schnee austoben. Die Kenner freilich genießen hier die "technischen Aufstiegshilfen" und verschwinden in schneller Schußfahrt durch ein schmales Waldstück und dann hinab auf weiten Feldern ins Tal der Rottach. Von dort führt wieder ein Lift zurück zum Stümpfling. Eine ideale "Skischaukel"! Im Bereich der Seilbahnen ist auch noch der 1600 Meter hohe Stolzenberg, auf dessen Piste die "Rennkanonen" oft um Zehntelsekunden geizen.

Wer es nicht so eilig hat und um die Vorzüge eines gemächlichen Aufstiegs und des Schwingens durch unberührte Flur weiß, wer sich zur künftigen Garde der Tourenläufer zählt, für den hat das östliche Spitzinggebiet lohnende Ziele, zum Beispiel die 1885 Meter hohe Rotwand. Gewiß, man stapft drei Stunden bis zu ihr hinauf, sie entlohnt aber mit ihren vielen, schon beinahe hochalpinen Abfahrtsmöglichkeiten jeden Skitouristen. Nicht nur die Rote Wand – eine ganze Kette prächtiger Berge eröffnet hier dem tüchtigen Skifahrer viele Abfahrtskombinationen, und es ist Platz genug für jene, die stille Inseln suchen.

Die längste Rotwandschußfahrt mit rund 1000 Meter Höhenunterschied führt nach Geitau, hinaus ins Leitzachtal. Da ist man dann bereits halbwegs in Bayrischzell. Dieses Skidorf unterm Wendelstein hat schon allein wegen seines freundlich-urgemütlichen Aussehens, das Wohnbehagen und Ursprünglichkeit ausstrahlt, viele Verehrer. Einträchtig gruppieren sich moderne Landhäuser, frisch verputzte Bauernhöfe und solide Hotels um die Dorfkirche. Die Einheimischen – vom modernen Reiseverkehr noch nicht verdorben – grüßen auch die Fremden, die sie "die Herrischen" nennen, nach altem Landesbrauch mit "Grüaß Di!" Auch hier kennt man dennoch die "Errungenschaften" des Kurbetriebs mit Gästerennen, Tanztee und Heimatabend, und rasch spricht es sich herum, wie jeder Neuankömmling auf den Brettln steht.