Die Industriegewerkschaft Metall hat ihren Ersten Vorsitzenden Otto Brenner wieder einmal auf das Podium geschickt und durch seinen Mund eine neue Lohnerhöhung und zugleich eine weitere Kürzung der Arbeitszeit gefordert. Seit dieser Mann im Jahre 1952 als Nachfolger Walter Freitags zu einem der beiden gleichberechtigten Vorsitzenden der "IG Metall" wurde – 1956 wurde er dann ihr Erster Vorsitzender – ist sein Auftreten immer wieder von den Parolen Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung begleitet worden, und nicht selten hörte man auch die Streik-Androhung.

Dieser noch verhältnismäßig junge Führer der Stärksten Gewerkschaft sieht nicht allzeit seine Aufgabe darin, zu beschwichtigen und die Gemüter zu beruhigen. Im Gegenteil – oft trat Brenner als unerbittlich antreibender Motor in Erscheinung, und dann fand er Redewendungen, die dazu angetan waren, wie reines Gift zu wirken. So rief er im März dieses Jahres einmal in Hamburg aus: "Die Interessen gewisser Regierungsstellen mit denen der Unternehmer sind eng verfilzt" und behauptete, der Wirtschaftsminister "tanzt ganz nach ihrer (der Unternehmer) Pfeife". Pure Demagogie ...

Brenner wurde 1907 in Hannover geboren. Schon als junger Elektromonteur trat er der Sozialistischen Arbeiterjugend und der SPD bei, und seine politische Karriere brachte ihm einen Sitz im Stadtrat seiner Heimatstadt ein. 1933 wurde er von der Gestapo verhaftet. Die Nazis warfen ihn ins Gefängnis und stellten ihn nach zweijähriger Haft unter Polizeiaufsicht. Erst Ende 1936 konnte er seine Arbeit als Elektromonteur wieder aufnehmen. Nach dem Kriege war Brenner einer der Neubegründer der Gewerkschaften und der SPD in Hannover. – Soweit kurz der Lebenslauf eines Mannes, dessen Eigenschaft es trotz allem nicht ist, sich ins Licht der Öffentlichkeit zu drängen.

Innerhalb der SPD steht Brenner weit links. Möglich, daß auch dies ihm den Ruf eingetragen hat, ein "Scharfmacher" zu sein. Und wirklich ist er durchaus ein Mann von hartem Typ, ein Sturmbock und Mauerbrecher; er ist freilich auch, wie Bundeskanzler Dr. Adenauer einmal sagte, der "Vater der 45-Stunden-Woche". Sein scharfes Profil und seine Augen deuten auf stets bereite Kampfeslust. Andererseits ist er zu jeder vernünftigen Diskussion bereit. Er versteht es, Gespräche zu führen und zuzuhören. Er überlegt sorgfältig die Argumente seiner Gegner. Und es scheint, daß Brenner, je höher er auf der Leiter seiner, Laufbahn steigt, mehr und mehr zur Besonnenheit findet. Der vorjährige Streik in Schleswig-Holstein – der hartnäckigste in Deutschland – ging ihm selbst zu weit.

Ob diese Mäßigung ein Resultat früherer Erfahrungen ist? 1954 hat seine Unnachgiebigkeit im Metallarbeiterstreik in Bayern ihm eine erhebliche Niederlage eingetragen. Im Weihnachtsmonat 1955 hat er nicht nur sich, sondern den gewerkschaftlichen Apparat insgesamt überfordert, so daß er einem geschickten Schachzug der Arbeitsdirektoren nachgeben mußte, die einen Lohnstreik ebensowenig wie die Betriebsräte und Belegschaften mitmachen wollten. Sicherlich hat Brenner – dessen Energie durch eine schmächtige Gestalt und dessen Eigenwilligkeit durch eine stets korrekte Kleidung getarnt werden – aus alledem gelernt. Ja, schon heißt es, er habe soeben eingesehen, daß eine weitere Arbeitszeitverkürzung vor 1959 nicht möglich sei, und vorläufig sind auch die Forderungen nach höherem Lohn zurückgestellt. Die Gespräche sollen aber im Januar weitergeführt werden. Im Termin also gab Brenner nach; ob auch in den Forderungen, bleibt ibzuwarten.

Gewerkschaftler sagen, daß Otto Brenner den Ehrgeiz habe, eines Tages in die Stromstraße 8 zu Düsseldorf, in der Zentrale, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, auf dem der alte Böckler und danach Walter Freitag und sodann Christian Fette saßen und den zur Zeit Eugen Richter innehat. Nun, bis dahin wird er noch eines hinzulernen müssen, nämlich sich in der Kunst des Möglichen zu bescheiden und sie zu nutzen. Eine Lohnforderung auf alle Fälle anzumelden, das kann ja nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Höheren Lohn im richtigen Augenblick und im richtigen Ausmaß zu verlangen und durchzusetzen, darin liegt die Kunst.

Auch die Unternehmer sind keineswegs grundsätzlich gegen Lohnerhöhungen. In der gegenwärtigen Ära des Konjunkturverlaufes machen alle Beteiligten in der Wirtschaft die Erfahrung, daß die stärkste Stütze der hohen Beschäftigung in der noch vorhandenen leichten Expansion von der Seite der Konsumgüter ausgeht. Das heißt: Die Konjunktur erhält in diesem Winter ihre Impulse von dem hohen und guten Lohn- und Einkommensstand der produktiv tätigen Bevölkerung. Brenner hat an dieser günstigen Situation ebenso seinen Anteil, wie am Risiko einer möglichen Überdrehung der Lohn-Preisschraube.

Walter Franzen