Von Marion Gräfin Dönhoff

Paris, Mitte Dezember

Welch ein Glück, daß die Monster-Konferenz der NATO in Paris stattfindet! In einer Stadt also, die lebendige Geschichte ausstrahlt und in der man auf Schritt und Tritt erlebt, wie eine geschichtsbewußte Nation sich manifestiert in ihren Domen und Palais und auch in den Statuen ihrer Könige, Marschälle und Generäle, die hoch zu Roß die Plätze beherrschen – in einer Stadt, in der auch der graueste Himmel noch Schattierungen von Rosa bis Violet auszustrahlen scheint.

Wären sie nicht in Paris, die 45 Minister und 1800 Journalisten, sie würden ersticken in der nüchternen Atmosphäre der Konferenzsäle, in denen es nur elektrische Leitungen, Fernseh-Installationen und Kabel gibt...

Zwar sind die Akteure hermetisch abgeschlossen von den Chronisten, doch das Drum und Dran ist keineswegs das einzig Erstaunliche an dieser Konferenz, von der es wohl mit Recht heißt, sie sei die größte (was den Umfang angeht) seit der Versailler Friedenskonferenz. Höchst merkwürdig ist auch ihr Verlauf. Gewiß, es war erst Ende Oktober, als Macmillan und der Generalsekretär der NATO, Spaak. in Washington waren, beschlossen worden, daß die normale Routinekonferenz der NATO, die jedes Jahr im Dezember stattfindet, zu einer Konferenz auf allerhöchster Ebene ausgestaltet werden sollte, um den westlichen Völkern – an Stelle eines Sputnik – etwas Sehenswertes vorzuführen. Da blieb natürlich nicht viel Zeit, das Schauspiel vorzubereiten. Aber es ist dennoch erstaunlich, wie so ganz anders, als erwartet, die Dinge ihren Lauf nehmen.

Im Grunde – so scheint es – haben die 15 Regierungschefs und ihre Verteidigungs- und Außenminister erst hier in Paris am Wochenende – sie trafen am Sonnabend ein, und die Konferenz begann am Montag – ihre Absichten und Ansichten aufeinander abgestimmt. Jeder kam mit seinem Bündel nationaler Sorgen und Wünsche angereist... Die Amerikaner sollten bei den europäischen Allianzpartnern Abschußbasen für ihre Raketen einhandeln. Für sie stand das militärische Interesse im Vordergrund. An einer Verstärkung der politischen Integration dagegen war ihnen nicht sonderlich gelegen, schon deshalb nicht, weil sie keinesfalls in die letzte Auseinandersetzung der alten Kolonialmächte mit den Völkern in Asien (Indonesien) und Afrika (Algerien) hineingezogen werden wollen.

Die Engländer aber wollten auf militärischem Gebiet eine Bestätigung der anglo-amerikanischen Monopolstellung als Hersteller atomarer Waffen erhalten; sie wollten im politischen Feld verhindern, daß, wenn eines Tages West und Ost miteinander verhandeln sollten, dies im Alleingang zwischen USA und der Sowjetunion geschehe.