Wenn ich hier Fragen anspreche, welche die innere Haltung wie auch die äußere Lebensführung des deutschen Menschen – und das heißt: den Lebens- und Denkstil unseres Volkes – betreffen, so möchte ich es mit meinem Nürnberger Landsmann Hans Sachs halten, der in den "Meistersingern" singt:

Der Merker werde so bestellt,

daß weder Haß noch Liebe

das Urteil trübe,

das er fällt.

Gerade das deutsche Volk, das über so viel Irrungen und Wirrungen hinweg sein Schicksal wieder glücklich zu gestalten wußte, dürfte in den Weihnachtstagen und an der Schwelle des neuen Jahres das Bedürfnis haben, einmal anzuhalten, zu fragen und zu prüfen, wo es in dieser unruhevollen Welt steht und wohin es will. – Wie jedes andere, hat auch das deutsche Volk seine spezifische Qualität, die (hier nicht als Wertung, sondern als Artung verstanden) sein geschichtliches Schicksal prägt. Wenn dieses Schicksal in der Vergangenheit nicht immer glücklich war, so mögen dafür viele, auch äußere und von uns nicht beeinflußbare Gründe maßgebend gewesen sein; aber zuletzt bleibt es doch richtig, daß unser Schicksal in unserer eigenen Brust ruht. Dies will heißen, daß die deutsche Geschichte und das deutsche Leben unsere geistige und seelische Haltung widerspiegeln und daß auf die Dauer auch keine Politik denkbar erscheint, die in dieser Beziehung ohne Widerhall bleibt.

Gefahr der "Gründlichkeit"