Ei, das muß immer saufen und fressen und Geschäfte machen. Sei diese Klage zu Weihnachten berechtigt oder unberechtigt – neu ist sie nicht. Schon im 16. Jahrhundert bewog sie den philologisch interessierten Sankt Galler Bürger Johannes Kessler, eine ebenso kühne wie amüsante Wortgeschichte für "Weihnachten" zu entwickeln. Sie wird mitgeteilt in dem reizvollen Büchlein "Weihnacht im Gallus-Kloster", das im Jan Thorbecke Verlag erschienen ist (siehe auch Bild und Unterschrift auf Seite 6). Wir geben die Kesslersche Version im altertümlichen Deutsch jener Zeit – in Klammern die neuhochdeutsche Bedeutung, wo es notwendig schien:

Wir Tütschen aber habend unwissend disen gewichten (geweihten) Dingen iren rechten nammen geben, so wir in gebrochnem tütsch für das wortlin ‚gewicht‘ (geweiht), so es by ainem anderen stat, ‚wie‘ (weih-) sprechend; als so wir sagen wellend gewicht waßer (geweihtes Wasser), gewicht noch (Rauch), sprechend wir wiewaßer (Weihwasser), wieroch (Weihrauch), wiekeße (Weihkessel), wiewadel (Weihwedel), wierochfaß etc.... Ob (wenn) einer wil, mag er darunder Zeilen das wortlin wienacht (Weihnacht), welcher vermaint, es kome von wichenacht (geweihte Nacht). Ich aber wil e (eher) globwirdig achten, es sije ain überblibes (übriggebliebenes) wortli von den haideschen winnachten (heidnischen Wein-Nächten). Dann zuo disen tagen diehaiden ire saturnalia, wie wir die fasnacht, angehept (angefangen), und die nacht mit durchtrinken und braßen (Prassen) verzert (verbracht). haben; dannenher die nacht winnächt genennt wurden. Und wie die historien erwisend, ist durchtrinken fast (feste) der alten Tütschen munter (Sitte) gewesen und mag der verstand (diese Auffassung) dester minder vernainet werden, diewil (weil) laider nach hüt by tag (noch heutzutage) an etlichen orten die wienachtnacht mit durchtrinken, wuolen (Wühlen), spilen und menigerlai lichtfertigkait verzeret wird. L.