Die Katholische Akademie in Bayern widmete eine Tagung in Grünwald bei München dem Thema "Wo steht, die Kunst heute?" Außer den Diskussionen hatte alles das Gepräge einer wirklich bedeutenden Bemühung um geistige Orientierung.

Der Inhalt der Referate sollte rein informatorischen Charakter haben. Aber selbstverständlich mengte sich jedem der Berichte auch ein beträchtlicher Teil persönlicher Sicht und Überzeugung bei.

Hugo Schnell, Herausgeber der Zeitschrift "Das Münster", datierte den Ursprung der modernen Kunst etwa um 1907 mit der "Abkehr des Geistes von der Materie". Er stellte fest, daß die Malerei seit 1945 die Führung an die Architektur abgetreten hat, daß sich im modernen Bauen christliche und profane Kunst wieder begegnen. Es komme darauf an, den "Dialog" als Quelle des künstlerischen Schaffens wiederzufinden.

Heftigere Reden löste dann der geistreiche, schlagfertige und provokatorische Georg Meistermann mit seinen "Thesen" aus. Offenbar unterstrich er sein Katholikentum gerade darum immer wieder so laut, um desto prononcierter eine unbedingte Autonomie der Kunst von krassester Konsequenz zu verfechten. Sätze wie der: das Bild sei "Teilnahme der menschlichen Seele an der schöpferischen Kraft Gottes" oder: der Begriff der christlichen Kunst "lasse sich mit keinerlei Inhalt verbinden" nehmen sich im Rahmen allgemeiner, unverbindlicher Religiosität ganz gut aus. Aber schwerlich dürften sie in ihrer Ichbetontheit gerade aus katholischem Denken zu rechtfertigen sein, vor allem nicht als Sentenzen gegen jegliche ideelle Bindung. Meistermann machte zum Schluß noch großen Effekt mit Seitenhieben auf (ungenannte) "professionelle Alltagsmaler" und den "Materialfanatismus" der Tachisten.

Der große Kirchenbauer Rudolf Schwarz entwaffnete das ganze modische "Architekturgeschwätz" mit dem Nachweis, daß es überhaupt keine einzelne Art von Baukunst gibt, die den Anspruch erheben dürfte, "die" moderne Architektur zu sein. Er demonstrierte überzeugend, daß im heutigen Bauen alle großen Traditionen enthalten sind: der antike Kubismus, die "adaptierten" ostasiatischen Baugedanken, die vegetativen Formen eines lebendigen Barocks, der Funktionalismus, der aus der Lehre der Neugotiker entwickelt ist. An die sehr aufschlußreiche Erfahrung anknüpfend, daß Studenten das ihnen vorgelegte Photo des Rudolf Steinerschen "Goetheanums" von 1927 als "unbekanntes neuestes Werk von Corbusier" gedeutet hätten, faßte Schwarz seine Diagnose in den Satz zusammen: "Wir haben einen virulenten Jugendstil" Womit denn der Charakterisierung unserer heutigen Baukunst als eines "bunten Flors verschiedener Stilprinzipien" die letzte Pointe aufgesetzt war.

Curt Hohoffs thematische Frage "Warum gibt es heute keine christliche Literatur?" ließ sich nicht leicht von der Hand weisen. Gemeint war nämlich der gänzliche Mangel an Nachwuchs für die großen Namen Bernanos, Claudel, Schaper, Schneider, Guardini und so weiter, und die unleugbare Tatsache, daß die christliche Dichtung heute nur als Diaspora vorhanden ist.

Der Münchner Kirchenmaler Burkart griff ein "kitzliges" Thema auf, das Meistermann in seiner aggressiven Art hart angepackt hatte mit der Feststellung: "Es habe ihm noch kein einziges Mal ein Geistlicher sagen können, wie er diese oder jene künstlerische Aufgabe im Sinne der kirchlichen (liturgischen) Erfordernisse zu lösen habe". Das hieß den Finger auf eine Wunde legen, an der viele Künstler leiden, die sich dem Kirchenbau und der Kirchenausstattung gewidmet haben.

Hier ganz besonders hätte die Tagung manches gewinnen können, wenn die Katholische Akademie als solche in den aufgeworfenen Fragen Stellung bezogen hätte. Indessen ist anzunehmen, daß sie sich eine Aktivität solcher Art für später vorbehält. Walter Abendroth