Von Sabina Lietzmann

S. L., Berlin

Zwei Rechtsvorgänge, die das Dilemma des Pfarrers im totalitären Staat enthüllen, ereigneten sich kürzlich am gleichen Tage: das SED-Bezirksgericht Schwerin verurteilte den evangelischen Propst Otto Maercker wegen "Boykotthetze" zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus, während in Westberlin die Disziplinarkammer der Evangelischen Landeskirche von Berlin-Brandenburg ein Disziplinarverfahren gegen die beiden Pfarrer Hans Gerber und Erich Rommel eröffnete, weil sie aus ihren märkischen Dorfgemeinden geflüchtet waren, um einer Verhaftung zu entgehen.

Angesichts der ersten Meldung mag die zweite unverständlich erscheinen: wie kann man einen Pfarrer tadeln, wenn er sich dem drohenden Zuchthaus entzieht? Scheinen hier nicht hartherzige Formaljuristen und Paragraphenreiter am bürokratischen Werke?

Wer so urteilt, vergißt, daß das Amt des Pfarrers zu jenen schwierigen Berufen gehört, die das Lebensrisiko mit einbeschließen. Man braucht nicht auf die Ahnenreihe der Märtyrer hinzuweisen, die die Geschichte der ecclesia militans begleitet; die Kirchenleute selbst haben handfestere Vergleiche zur Hand. Wäre das ein guter Arzt, argumentieren sie, der bei Infektionsgefahr den Gang zum Patienten scheut... Ein guter Feuerwehrmann, den drohende Rauchvergiftung vom Löschen abhält ... Ein guter Polizist, der den bewaffneten Verbrecher lieber ungeschoren laufen läßt?

Der Zusammenstoß mit der weltlichen Macht ist dem Christen seit Anbeginn als eine Prüfung mit auf den Weg gegeben, die er zu bestehen hat. Der Pfarrer soll in diesem Kampfe Hirte seiner Herde sein. Verläßt er sie, dann handelt er nicht nur gegen den Sinn seines Amtes, sondern er verstößt auch gegen die Verfassung, die das Leben der Kirche regelt. "Der Pfarrer steht zur Kirche in einem öffentlichrechtlichen Dienstverhältnis, das sich aus seiner Ordination herleitet", heißt es im Artikel 29 der Grundordnung der Landeskirche Berlin-Brandenburg, der die geflüchteten Pfarrer angehören. "Mit der Berufung zum Pfarrer wird das Dienstverhältnis auf Lebenszeit begründet", oder mit anderen Worten: ohne Zustimmung seiner vorgesetzten Kirchenbehörde – in diesem Falle der Landeskirche Berlin-Brandenburg – darf kein Pfarrer seine Gemeinde verlassen.

Diese juristischen Formeln erhalten jetzt eine große Bedeutung. Die evangelische Kirchenleitung in Berlin weist darauf hin, daß man nicht gut von den Gemeindegliedern Standhaftigkeit verlangen könne, wenn die Pfarrer selbst von Panikstimmung ergriffen werden. Nicht nur Ordinationsgelübde und Amtseinführung, sondern auch das Vertrauen der Gemeinde verpflichteten den Pfarrer daher zum Aushalten an dem ihm zugewiesenen Platz.