Von Heinz Struckmann

Im Rathaussaal von Arnsberg tagt noch immer das Schwurgericht. Der Prozeß, der am 2. Dezem-1957 begann und noch mehrere Wochen dauern wird, behandelt ein grauenhaftes Verbrechen: In der Gegend von Warstein (Sauerland) wurden im März 1945 auf Befehl des SS-Obergruppenführers Dr. Kammler 208 Männer, Frauen und Kinder – sogenannte russische Fremdarbeiter – ermordet. DIE ZEIT Nr. 50 vom 1-2. Dezember 1957 stellte die Angeklagten vor, so wie sie sich selber sehen und heute geben: Biedere, korrekte Bürger, die längst wieder einem Beruf nachgehen, die Frauen und Kinder haben. Heute folgt der Bericht über die Erschießungen im Wiesental bei Eversberg nach der Darstellung des Angeklagten Helmut Gaedt, ehemaliger Oberleutnant in der SS-Division z. V. (zur Vergeltung), jetzt Gewerbeoberlehrer in Schleswig-Holstein, verheiratet, Kinder; sowie eine Episode aus der Mordnacht in einem Wäldchen bei Suttrop nach der Darstellung des Angeklagten Heinz Zeuner, ehemaliger SS-Untersturmführer in der SS-Division z. V., jetzt Bergvermessungstechniker, verheiratet, fünf Kinder. Weitere Exekutionen fanden – im Langenbachtal bei Warstein statt. – Dem Schwurgericht steht Landgerichtsdirektor Niclas vor. Die Anklage wird vertreten von Oberstaatsanwalt Büchner und Staatsanwalt Kiehler. Da alle Angeklagten behaupten, nur Plünderer oder solche, die sie dafür hielten, erschossen zu haben, bemüht sich der Vorsitzende sehr um ein Bild der damaligen Zeit. Immer wieder kommt die Frage, sowohl an Zeugen wie an Angeklagte: „Haben Sie plündernde Russen bemerkt?“ Niemand hat dergleichen gehört oder gesehen. Nur ein Zeuge erinnert sich: „Nach dem Zusammenbruch, wie die Amts da waren, da haben sie uns einen guten Schinken aus der Kammer geholt ...“

Vorsitzender: Haben Sie denn etwas von den Russen bemerkt?

Gaedt: Ja! Das war zwei Tage vorher. Da waren Russen auf dem Schulhof. (Dort waren in einer Baracke Diensträume der Division – Anm. d. Verf.) Die Soldaten gaben ihnen Brot und Wasser. Da plötzlich einer: Weg mit dem Pack. Das sind Plünderer. Ich erkannte, daß es Kammlers Stimme war und habe mich verdrückt. Zwei Tage später kam ein Anruf vom Ia (das war der jetzige Anklagte Miesel – Anm. d. Verf.): Sofort hochkommen! Beim Ia erfuhr ich, es seien Russen zu erschiessen, die man beim Plündern erwischt hätte, Ich habe gefragt, was ich denn, als Waffenoffizier damit zu tun hätte. Miesel hat gesagt: „Sie sind ein Offizier wie jeder andere auch. Gehen Sie! Weitere Befehle erhalten Sie beim Oberfeldrichter Wetzling“ (das ist der Hauptangeklagte, Anm. des Verf.). Ich bin dann zu Wetzling gegangen und habe ihn gefragt, ob ich den Befehl ausführen muß. Wetzling hat gesagt: Ja – natürlich. Das ist ein Befehl vom Kommandeur. Sie wissen doch, wie Kammler auf die Nichtausführung eines Befehls reagiert. Dann hat er mir erklärt: Sie werden jetzt hinausfahren und die Exekution vorbereiten. Am Abend werden Ihnen dann die Plünderer übergeben ...

Gaedt berichtet dann ausführlich, wie er in das Wiesental bei Eversberg fuhr, einen Platz für die Exekution suchte und fand: Ich fand, daß diese Stätte geeignet war. Wir sind dann zum Russenlager gefahren und haben uns gegen Quittung zwanzig Arbeitskräfte geben lassen. Mit denen sind wir dann zu der Stelle gefahren. Der Boden war aber sehr hart. Wir kamen schlecht voran, und ich wollte die Leute nicht überanstrengen. Deshalb habe ich Sprengstoff besorgt. Wir haben dann drei- oder viermal gesprengt. Danach ging es besser. Das Arbeitskommando wurde dann wieder gegen Quittung abgeliefert. Ich bin anschließend zu meiner Dienststelle gefahren und habe meine Arbeiten verrichtet. Später meldete sich ein Dienstgrad bei mir ...

Geheim und nochmals geheim

Vorsitzender: Wer meldete sich?