Von Walter Jens

Das Wort hat hier – wie von jetzt an allmonatlich einmal – der Altphilologe, Kritiker und Schriftsteller Walter Jens. Jens, 1923 in Hamburg geboren und zur Zeit Professor in Tübingen, wurde (auch in England, den USA, Frankreich, Italien, Spanien, Holland, Argentinien und Japan) bekannt durch seine kritischen Studien: Antigone Interpretationen" (1952), "Die Stichomythie in der frühen griechischen Tragödie" (1955), "Hofmannsthal und die Griechen" (1955), "Statt einer Literaturgeschichte" (1957) und durch die Romane: "Nein – Die Welt der Angeklagten" (1950), "Der Blinde" (1951), "Vergessene Gesichter (1952), "Der Mann, der nicht alt werden wollte" (1955), "Das Testament d. Odysseus" (1957).

Ich weiß, man hat es dem Schriftsteller Max Frisch manchmal zum Vorwurf gemacht, daß er, in Drama und Roman, immer die gleichen Themen verwerte, die gleichen Situationen interpretiere, die gleiche Technik verwende. Dieser Vorwurf, dem Gedanken entsprungen, der Dichter müsse zunächst einmal "originell" sein und sich folglich von Werk zu Werk wandeln, charakterisiert die Gesinnung einer Zeit, der das "Neue" zugleich als das "Beste" erscheint; er bezeichnet darüber hinaus die Praktiken einer Kritik, der es unbegreiflich anmutet, daß gerade der Schriftsteller auf Kontinuität im Thematischen angewiesen ist und das einmal gewählte Problem beharrlich zu verfolgen hat: ob "Bürger und Künstler", "Freiheit und Schicksal", "Liebe und Absurdität" – der Ausschnitt ist klein, die Wiederholung notwendig: wie könnte man sonst nach vierzig Jahren – "Faust" oder "Krull" – erneut ans Werk gehen? Im Wechselspiel von Typus und Variation entsteht, sehr langsam, das oeuvre.

Ein Kierkegaard-Zitat aus "Entweder-Oder", Motto des "Stiller" vom Jahre 1954, erklärt die Problematik des Schriftstellers Frisch: "Indem die Leidenschaft der Freiheit in ihm erwacht..., wählt er sich selbst und kämpft um diesen Besitz als um seine Seligkeit, und das ist seine Seligkeit." Stiller oder Walter Faber, Don Juan oder der Erzähler der Traumfahrt nach Peking – alle Helden Frischs unternehmen, kühn und hybride zugleich, den Versuch, "sich zu erfahren" und immer wieder dem eigenen Bild im Spiegel zu begegnen. Ständig von der Angst verfolgt, sich irgendwo zu verlieren, vom Willen zur Selbstintegration geprägt, allein dem Bestreben verfallen, niemals "von sich Abschied nehmen zu müssen", geraten sie unversehens in einen seltsamschwerelosen Rausch der Leere, in dem die Welt sich plötzlich verändert, das Vergangene unwirklich wird und die um jeden Preis erstrebte Kontinuität abbricht.

In diesem Augenblick ereignet sich das Paradox: der Mensch, der aufgebrochen war, um dem eigenen Ich zu begegnen, kommt sich jählings abhanden ... Rip van Winkle steht vor der Höhle, die ins Vergessen der Zeitlosigkeit führt; ein angesehener Anwalt verirrt sich im Wald, ein geachteter Richter wird zum Anführer einer Mordbrennerbande. Der Bürger verläßt das Gefängnis seiner Wohlanständigkeit, versinkt im Anonymen und kehrt anders zurück als er aufbrach. Dort, wo das Ich sich in der Namenlosigkeit verliert und seine Vergangenheit preisgibt, entfernt sich das Individuum von allem Vertrauten.

Max Frisch ist nicht müde geworden, diesen rapiden und in seinen Konsequenzen unabsehbaren Umbruch an den Beziehungen zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen und immer aufs neue die Sekunde, in der das "Tritt ein" in das "Wer ist da?" umschlägt, zu beschwören. Auf der Flucht zu sich selbst wird der Mensch zum Mörder des Nächsten: Stiller tötet Julika; Gottlieb (aus den "Tagebüchern") die schöne Jenny; der Apotheker Isidor, gerade aus der Fremdenlegion heimgekehrt, verläßt seine Frau schon an der Gartentür. An der Grenze von Verpflichtung und Isolation, dort, wo man ganz "ich" sein will und doch schon ein anderer ist, in Helldunkel des Wachtraums, erscheinen noch einmal die Gesetzestafeln einer mythischen Vorzeit, und "man tötet, was man am liebsten hat"

Die Menschen Frischs wohnen immer in zwei Reichen zugleich. Leben (das heißt für sie: allein sein) und Liebe (der sie nicht entrinnen) fügen sich ihnen nur selten zusammen, und diese Eoppelexistenz spiegelt sich, ganz konkret, in den beiden geographischen Zonen, denen sie angehören: Da ist, vertraut und gesellig, die Schweiz, und daneben wohnen die Dämonen von Chihuahua; da ist das Café Odeon und dort die Tabakplantage von Uruapan; da Glion am Genfer See und dort der Neonschlamm von New York; da die Heimat und dort die Puppenspielerwelt von Andorra. Den beiden Räumen wiederum entspricht die zwiefach gefaltete Zeit, das vertraute Heute und das ungesicherte Gestern, die Fahrt auf der Rollbahn und der Absprung in die Wegelosigkeit des Traums.