Von Plans Gresmann

Der „amphibische Zustand“ fand dieser Tage ein Ende: der „General“ ist aus dem Strafjustizgebäude ausgezogen. Was er selbst, der bisherige Hamburger Generalstaatsanwalt Gerhard Kramer (der in seiner Behörde aus Gründen der Abkürzung und gewiß nicht der Typisierung schlichtweg „der General“ genannt wurde) als amphibisch bezeichnete, war sein Hin- und Herpendeln zwischen Rathausmarkt und Sievekingplatz während der letzten Wochen. Dort mußte er sich an die neue Luft gewöhnen, hier seinen Schreibtisch leerräumen.

In den ersten Tagen des Jahres hat der junge SPD-Senat den prominenten Juristen zum Bevollmächtigten Hamburgs in Bonn ernannt. Für Gerhard Kramer beginnt damit ein neues und dauerhafteres Amphibiendasein, ein Leben in Hamburg und Bonn – jeweils getrennt durch eine siebenstündige D-Zug-Fahrt.

Wer den Generalstaatsanwalt Kramer kennt – und das sind gewiß nicht wenige, denn dieser Mann versteht es wie nur einer, Kontakte herzustellen – wird meinen, Bürgermeister Brauer habe bei dieser Ernennung einen guten Griff getan, und wer das Haus Drachenfeldstraße Nr. 12, die Hamburger Vertretung in Bonn, kennt – es sind dies vielleicht nicht so viele –, wird sich erwartungsvoll fragen, ob es dem neuen Hausherrn wohl gelingen könnte, etwa den Nachbarn von der bayerischen Vertretung, die durch Bockbierfeste und manch andere gesellig-geschickte Gastlichkeit politisch zu wirken verstehen, Konkurrenz zu machen. Viele Leute denken, es werde ihm gelingen.

Dieser Hamburger, dem jetzt auf seinem Wege an den Rhein viele Erwartungen vorauseilen, kommt aus Berlin. Dort wurde er geboren, dort erlebte er als Zehnjähriger den Ausbruch des ersten Weltkrieges, dort studierte er (an der Friedrich – Wilhelm – Universität) Rechts- und Staatswissenschaften, und dort auch begann er seine juristische Laufbahn. Ab 1931 plädierte der junge Gerichtsassessor als Staatsanwalt. Als dann aber mit dem Beginn des Jahres 1933 ein neues politisches Regime auch über die Justiz hereinbrach, dauerte es nur wenige Monate, bis Krämer sich entschloß, im Gerichtssaal auf die „andere Seite“ zu gehen – er wurde Rechtsanwalt.

Der geschickte Jurist und glänzende Redner führte in den folgenden Jahren viele Strafverteidigungen, auch in politischen Sachen. Als die Nationalsozialisten in einem ihrer ersten Schauprozesse Sally Epstein und zwei weitere Mitangeklagte wegen angeblicher Beteiligung an der Ermordung des Berliner SA-Rabauken Horst Wessel vor Gericht stellten, hieß der Verteidiger Gerhard Kramer. Er konnte seinen Mandanten, von dem er heute noch glaubt, er sei unschuldig gewesen, indes nicht retten – ebensowenig wie Käthe Dorsch es vermochte, die dem jungen Anwalt damals mit großem Mut und viel Tatkraft zu helfen versuchte.

Der zweite Weltkrieg führte Kramer zunächst als Dolmetscher nach Frankreich und dann als MG-Schützen nach Rußland. Nachdem er die Uniform, die ihm weder stand noch behagte, ausgezogen hatte, spülte ihn der Strudel der Nachkriegszeit nach Hamburg. Hier wurde er 1946 Staatsanwalt und stieg dann die Stufenleiter immer weiter empor, bis – nach einigem Zögern – der Sieveking-Senat ihn, den Sozialdemokraten, im Herbst 1956 zum Hamburger Generalstaatsanwalt ernannte.