Alberto Moravia ist ein Autor, der dem Leser auf manchen Seiten fast wie ein Unterhaltungsschriftsteller vorkommt, so bezaubernd leicht kann seine Prosa sein. Fast schwerelos fließen dann seine Sätze dahin, ohne Aufhebens hingeplaudert. Das zeigt sich deutlich wieder bei einem Band seiner Kurzgeschichten, der jetzt veröffentlicht worden ist:

Alberto Moravia: „Die Mädchen vom Tiber – Geschichten aus Rom“; Kurt Desch Verlag, München; 398 S., 16,80 DM.

Und doch, wenn man diese Geschichten liest, bleibt etwas zurück: eine ganz starke Erinnerung nicht nur an Mädchen, sondern an Menschen in Rom, an ihren Alltag, ihre Wunschträume, ihre Erfolge, ihre kleinen und großen Sünden.

Italienische Autoren der Gegenwart können solche Tagträume unseres Alltags besonders zauberhaft beschreiben. Eine der schönsten Geschichten Buzzatis ist die, in der Gott sich höchst persönlich in eine mißglückte Telefonverbindung einschaltet, wo mehrere Gesprächspartner aufeinander einschimpfen. Übrig bleibt aber, während sich die Fehlverbindungen eine nach der anderen entwirren, nur die eine Gesprächspartnerin, die von „ihm“ geträumt hatte und die „ihn“ jetzt in der Leitung hat. Es ist also eine Art verspielter und doch auch wieder ernstgemeinter metaphysischer Surrealismus mit einfachen Mitteln.

Moravia erreicht dasselbe Ziel: die Mitteilung unserer geheimen Wünsche (die oft viel edler sind als wir selber – mögen sie sich auch im Klischee artikulieren) durch handfeste Darstellung. Da erscheint auf dem Postamt, in dem Valentina Beamtin ist, ein geschniegelter Blondkopf mit einer Schmetterlingskrawatte um den Hals.

„Fräulein“, so sagt der geschniegelte Blondkopf, „hat Ihnen noch nie jemand gesagt, daß Sie zum Film gehen könnten?“

Wenn man so will, verläuft diese Geschichte jetzt wie eine Klischeegeschichte. Die schöne Valentina wird in ein Atelier bestellt. Doch weil sie sich allein nicht traut, nimmt sie Renato mit, einen Kollegen von überaus häßlichem Aussehen. Es kommt, wie’s kommen muß. Der geschniegelte Blondkopf, der sich im Postamt fast als Produktionschef aufgespielt hatte, ist in Wirklichkeit nur ein Beleuchter. Der Regisseur braucht keine schöne Valentina – wohl aber ein richtiges Schurkengesicht für eine kleine Zuhälterrolle. Dafür ist Renato, der häßliche Begleiter von der Post, gerade der richtige Mann. Er wird engagiert. Valentina geht weinend nach Hause.