Von Robert Strobel

Bonn, Anfang Februar

Wenn man nicht wüßte, daß alle Macht inBonn nur von einem Manne verliehen wird, der jederzeit imstande ist, sie wieder zurückzunehmen, wäre man fast versucht zu sagen: Bundesaußenminister von Brentano hat in den letzten Januartagen die Macht in seinem Hause ergriffen. Jedenfalls besteht kein Zweifel, daß Heinrich von Brentano durch den jüngsten personellen und organisatorischen Umbau in seinem Ministerium seine Stellung gefestigt hat. Das wird besonders deutlich an der Wahl van Scherpenbergs zum neuen Staatssekretär. Bis vor kurzem wollte das Gerücht nicht verstummen, daß Blankenborn Hallsteins Nachfolger werden solle, was dem Einfluß Brentanos engere Grenzen gesetzt haben würde, denn Blankenhorn hätte als Staatssekretär gewiß das Recht des direkten Vortrags beim Bundeskanzler verlangt und erhalten. Seine persönliche Vertrauensstellung bei Dr. Adenauer ist trotz der räumlichen Distanz ohnehin stärker als die des Außenministers.

Der neue Staatssekretär Albert Hilger van Scherpenberg, bisher Leiter der Handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, wird nicht das direkte Vortragsrecht beim Bundeskanzler haben. Vermutlich würde er, der aus der alten Schule des Auswärtigen Dienstes kommt und die Spielregeln schätzt, die jedem traditionellen Beamten seine streng begrenzte Rolle zuweisen, ein solches Vorrecht auch eher als peinlich empfinden. Van Scherpenberg ist an die diskrete Arbeit im Hintergrunde gewöhnt. Er wird wohl auch nicht so oft auf Reisen gehen wie Professor Hallstein. Eine lange Erfahrung in der Verwaltung dieses subtilen Apparates wird ihm die Koordinierung der sich immer wieder überschneidenden Aufgaben, Informationen und Intentionen erleichtern. Zwei Unterstaatssekretäre sollen ihn dabei unterstützen: der bisherige Generalkonsul in Hongkong, Dr. Herbert Dittmann, und der bisherige Botschafter in Madrid, Karl Heinrich Knappstein.

Mit Knappstein, einem der Mitbegründer der Frankfurter und der hessischen CDU, verbinden Brentano seit langem persönliche Beziehungen. Der einstige Redakteur der Frankfurter Zeitung, nach dem Zusammenbruch Ministerialdirektor im ersten hessischen Kabinett Geiler, später Leiter der Presseabteilung im Verwaltungsrat des Zwei-Zonen-Wirtschaftsgebietes, war nach der Gründung der Bundesrepubik zunächst Generalkonsul in Chikago und schließlich Botschafter in Madrid. Knappstein bringt für seine; neue Aufgabe Verwaltungserfahrung und großes Geschick bei der Versachlichung persönlich betonter Meinungsverschiedenheiten mit.

Dittmann gehört dem Auswärtigen Amt seit 1929 an. Er arbeitete mehrere Jahre an der deutschen Botschaft in Moskau, später an der Gesandtschaft in Teheran. Eine Zeitlang war er in der Ära Ribbentrop der Personalabteilung des Auswärtigen Amtes zugeteilt. Ein Untersuchungsausschuß des ersten Deutschen Bundestages verlangte deswegen und wegen einiger umstrittener Aussagen Dittmanns vor dem Ausschuß seine Entfernung vom Posten des Leiters der Personalabteilung. Dittmann wurde damals als Generalkonsul nach Hongkong geschickt.

Auch in der rangnächsten Garnitur des Auswärtigen Dienstes hat Brentanos Diplomatenschub vieles verändert. So sind fast sämtliche Abteilungsleiter abgelöst worden. Der Leiter der bisherigen Länderabteilung, von Welch, geht als Nachfolger Knappsteins nach Madrid, der Leiter der Politischen Abteilung, Professor Grewe, wird an Stelle Krekelers Botschafter in Washington. Der Leiter der Personalabteilung, Ministerialdirektor Dr. Löns, geht als Botschafter nach Den Haag. An seiner Stelle wird der Botschafter in Mexiko, Gebhard von Walther, die Leitung der Personalabteilung übernehmen. Der bisherige Botschafter in Den Haag, Mühlenfeld, ein ehemaliger Parlamentarier, ist für den Botschafterpesten in Ottawa ausersehen. Der Chef des Protokolls, Dr. Mohr, wird als Nachfolger des in den Ruhestand tretenden Botschafters Holzapfel nach Bern versetzt. Auch die Handelspolitische Abteilung bekommt einen neuen Chef: an Stelle des zum Staatssekretär ernannten van Scherpenberg dessen Mitarbeiter, den bisherigen Ministerialdirigenten Harkort.