Wenn ich so weitermache wie bisher, komme „ich nie auf einen grünen Zweig. Das ist mir inzwischen klargeworden. Experte müßte ich sein. Experten stehen heute hoch im Kurs.

So ein Experte muß nur auf einem einzigen Gebiet beschlagen sein. Was nicht in dieses Gebiet gehört, braucht ihn weiter nicht zu kümmern. Ja, es wäre ihm sogar zu raten, sich ausschließlich auf sein Spezialgebiet zu konzentrieren, wenn er seinen Ruf als Experte nicht gefährden will.

Ich denke da etwa an die Deutschland-Experten, von denen man neuerdings so viel hört. Nur über Deutschland und Deutschland allein will man etwas von ihnen wissen, schon die Frage nach dem höchsten Berg Österreichs kann und soll ihnen ganz gleichgültig sein. Für Österreich sind wieder ganz andere Experten zuständig, denen sie nur ins Handwerk pfuschen würden. Mehrzweck-Experten bringt man mit Recht Mißtrauen entgegen.

Deutschland-Experte könnte ich schon mal nie werden, da ich Deutscher bin. Es gilt nämlich als unumstößliche Regel, daß man nur Experte für ein Land sein kann, wenn man dort nicht lebt. Je weiter weg, desto besser, gilt hier als Gebot. Es ist allenfalls zulässig, sich dort – vielleicht gelegentlich einer Urlaubsreise – eine Weile aufgehalten zu haben. Mehr ist nicht vonnöten, eher von übel.

Rußland-Experte hingegen will ich nicht werden, obwohl ich dort nie gewesen bin und also recht gute Voraussetzungen mitbrächte. Aber es gibt leider so viele Menschen, die nie in Rußland gewesen sind, und darum ist dieser Beruf so hoffnungslos überlaufen und für mich wenig aussichtsreich.

Auch Experte für Andorra zu werden lockt mich wenig. Wann passiert schon etwas Besonderes in Andorra? Man wird mich vielleicht auf San Marino und auf seinen vorjährigen Bürgerkrieg verweisen, der ja eine geradezu fanatische Fahndungsaktion nach San-Marino-Experten zur Folge hatte. Aber Gelegenheits-Experte zu werden, danach steht mir nicht der Sinn. Mich könnte nur eine Dauerbeschäftigung reizen.

Wer möchte heute nicht Weltraum- oder Raumschiffahrts-Experte sein? Das sind Leute, die haben sich jahrelang, verkannt und verlacht, auf ihre große Stunde geduldig vorbereitet, und nun ist sie da, die große Stunde! Alle Welt schreit plötzlich nach Experten, die ein wenig über den Weltraum und seine Eigenarten Bescheid wissen; stille Studierstuben werden nach ihnen abgegrast, sogar um ihren Nachwuchs kümmert man sich in rührender Weise – kurz: ihr Weizen steht in schönster Blüte. Meiner leider nicht, denn ich hatte diese Chance, einmal ein so begehrter Experte zu werden, nicht rechtzeitig gewittert.

Darum scheint mir nichts anderes übrigzubleiben, als mich auf Aufgaben zu spezialisieren, die bis jetzt noch – meines Wissens – ohne Experten ausgekommen sind, wenn auch mehr schlecht als recht. Ich denke da zum Beispiel an das Nageleinschlagen in Wände. Wie viele Daumen sind bei solchen Gelegenheiten schon platt oder gar blutig geschlagen worden, während der Nagel nicht die geringste Wirkung zeigte – nur, weil kein Hammer-Experte zur Hand war. Hammer-Experten darf man natürlich nie mit Büchsen-Experten in einen Topf werfen. Wer sich auf das Einschlagen von Nägeln versteht, wird nur in seltenen Fällen universaler Begabung auch eine Büchse öffnen können. Zum Vergleich: Man wird ja auch nicht einem Kanal-Experten (Suez!) meteorologische Fragen über den Pol (Süd!) stellen.

Oder denken wir an das ewige Problem der verschwundenen Gegenstände bei kinderreichen Familien. Täglich verschwinden da Handtaschen, Kragenknöpfe, Uhren, Geldstücke, Broschen, Schlüssel und Teddybären und werden erst nach mühseligen Suchaktionen, wenn überhaupt, wiedergefunden. Was würde man an Zeit, Kraft und Ärger ersparen, wenn Such-Experten das Wiederfinden solcher Objekte abnehmen würden.

Es versteht sich wohl von selbst, daß man solche Leute nur zum Suchen, nicht aber zum Verstecken – etwa von Ostereiern – verwenden sollte, denn auf diesem Gebiet würden sie glatt versagen und, statt Ostereier zu verstecken, eher solche aus früheren Jahren finden.

Welch reiches Arbeitsfeld solcher Suchsachverständigen harrt, wenn sie sich auf das Wiederfinden verlorengegangener Manuskripte in Redaktionen und Funkhäusern spezialisierten, sei hier nur am Rande vermerkt.

Im Grunde ist es aber wahrscheinlich ziemlich gleichgültig, welche dieser verschiedenen Möglichkeiten ich ergreife, um mich als Experte zu betätigen. Es geht ja einzig und allein darum, Experte zu sein, ganz gleich für was – dann kann einem gar nichts mehr passieren.