Sollen ehemalige KZ-Ärzte wieder praktizieren dürfen?

Von Günter Dahl

Dem Dr. med. Hans Bodo Gorgaß, der nach dem Kriege des Euthanasie-Mordes in mindestens tausend Fällen für schuldig befunden wurde, hat ein Gnadenakt des hessischen Ministerpräsidenten und Justizministers Zinn unlängst die Tore des Zuchthauses geöffnet. Auf die Kritik an dieser Maßnahme erwiderte Zinn: „Andere Ärzte, die nicht weniger Schlimmes und vielleicht noch Schlimmeres begangen haben, üben seit Jahren wieder unangefochten ihren Beruf aus.“ So wenig einleuchtend diese Begründung auch ist die Tatsachen, die dieser Behauptung zugrunde liegen/sind leider nicht zu bestreiten. Wie das möglich ist – diese Frage wirft auch der Fall der Dr. med. Herta Oberheuser auf, der in dem folgenden Artikel geschildert wird. Wir fragen uns dabei: was tun eigentlich die Ärztekammern, die doch über die Approbation der Ärzte entscheiden? Sie wären doch wie niemand sonst berufen, über das Ethos ihres Berufsstandes zu wachen. In dem Eid des Hippokrates, den auch heute noch jeder Mediziner leistet, wenn er ins Ärzteregister eingetragen wird, stehen die Sätze: „Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf Verlangen, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.“ Sind diese Sätze für die Ärztekammern nicht mehr bindend? Wird Eidbruch von ihnen nicht mehr geahndet?

Im Jahre 1940 wurde in einer medizinischen Zeitschrift für das nördlich von Berlin gelegene Konzentrationslager Ravensbrück ein Facharzt für Hautkrankheiten gesucht. Es bewarb sich Dr. med. Herta Oberheuser, 29 Jahre alt. Sie erhielt diesen Posten. Unter Aufsicht des Professors Gebhardt, damals Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, war sie bis 1943 Lagerärztin.

Wegen dieser KZ-Tätigkeit stand Dr. Herta Oberheuser 1947 im Nürnberger Ärzteprozeß vor einem alliierten Gericht. Sie wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, denn ihre Beteiligung an medizinischen Experimenten, die den Tod weiblicher Häftlinge zur Folge hatten, sah das Gericht als erwiesen an. Im Lager Ravensbrück ist ab 1942 die Heilwirkung der Sulfonamide – Arzneimittel zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten – erprobt worden. Man hat Häftlingen Wunden beigebracht und sie mit Bazillen geimpft. Viele der Versuchspersonen starben daran. Für ihre Heilbehandlung interessierte sich niemand.

Dr. Herta Oberheuser sagte im Nürnberger Prozeß aus, sie habe oft bei den Versuchspersonen die Narkose gemacht und auf Anweisung ein ihr unbekanntes Präparat gespritzt, das den Patienten die Qual erleichtern und ihnen den Schlaf bringen sollte. Der alliierte Richter Hardy stellte – laut Protokoll – in Nürnberg die Frage: „Sind die Patienten dann wieder aufgewacht, oder bewirkten die Ihnen unbekannten Injektionen den Tod?“ – Dr. Oberheuser: „Es war dann der Tod.“

Im Jahre 1951 wurde die Strafe der Dr. Oberheuser durch den amerikanischen Hochkommissar von zwanzig auf zehn Jahre verkürzt. 1952 wurde sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Das Bundesarbeitsministerium soll in einem Schreiben ihre „bevorzugte berufliche Förderung als Spätheimkehrerin“ empfohlen haben. Dr. Herta Oberheuser ließ sich als praktische Ärztin in der Gemeinde Stocksee in Holstein nieder.