Als wohlbegründeten Anlaß zur Tobsucht darf man die in der Mehrzahl aller Behörden verbreitete Formularitis ansehen. Die Forschungen über diese Seuche und ihre Gefahren stecken merkwürdigerweise noch in den Kinderschuhen, doch dürfte der Grundsatz bereits Allgemeingültigkeit beanspruchen, daß ein durch ein ausgedehntes Zwangsformular ausgelöster Tobsuchtsanfall die menschlich verständlichste und daher auch verzeihlichste Sache von der Welt ist. Die Gerichte werden mehr und mehr dazu übergehen müssen, sich dieser Auffassung anzuschließen.

Wo der von einem Formular oder Fragebogen Betroffene noch nicht unbedingt zur Ausfüllung gezwungen ist, sondern kraft seiner Menschenwürde noch die Möglichkeit hat, das idiotische Dokument wegzuschmeißen, ist dasselbe noch als relativ harmlos anzusehen. Bösartig und infektiös im Sinne eben der von ihm getragenen Tollwutgefahr wird das Formular erst, sobald der (in der Regel staatliche) Zwang von ihm ausgeht, es auszufüllen. Die Menschheit sollte sich mehr und mehr bewußt werden (hier ist insonderheit von der deutschen die Rede), daß sie es bei der Formularitis der Behörden mit einer gemeingefährlichen Seuche und Geisteskrankheit zu tun hat.

Wenn man ein Archiv anlegte, um gewissenhaft die Fälle zu sammeln, in denen Formulare die Menschen, die von ihnen zwanghaft betroffen (erfaßt) werden, zur Verzweiflung treiben, so wäre die Fülle des Materials schon allein ein Anlaß zur Verzweiflung. Freilich nötigt auch wieder die Geduld, welche die betroffene (erfaßte) Menschheit den Formularen ihrer Behörden gewährt, hohe Bewunderung ab — eine Bewunderung, die nicht ganz frei von Tadel ist; denn wenn die natürliche Folge eines richtigen, das heißt blödsinnigen Formulars, eben der Tollwutanfall, öfters oder gar als Regel einträte, so würde vielleicht der Formularitis am ehesten Einhalt geboten.

Die Beispiele zu diesem Thema sind schlechthin unabsehbar. Wir greifen nur ganz wenige aus den letzten Tagen heraus.

In Lübeck erlitt in einem Dienstzimmer der sichts behördlicher Neugierde einen Tobsuchtsanfall, trat einem Beamten in den Magen, zerschlug die Einrichtung und warf eine Schreibmaschine aus dem Fenster. Der "Rasende" wurde in die psychiatrische Abteilung der Klinik gebracht.

Die Württemberger Ärzte haben die Ausfüllung eines Fragebogens des Landesfürsorgeverbandes abgelehnt, dessen 16 Seiten, aneinandergereiht, eine Länge von mehr als drei Meter ergeben. Die Arbeitsmöglichkeiten der Ärzte irr- der Angelegenheit, die in diesem Formular behandelt wird, werden eben durch dasselbe total lahmgelegt.

Der Hamburger Senat hat eine Variante des Straßenhändlergesetzes herausgebracht, die so kompliziert ist, daß man auf der Straße Zollstöcke und Kompaß benötigen würde, um sie zu erfüllen. Die Zollbehörde hat neue Vorschriften zur Verzollung von Geschenkpaketen aus dem Ausland erlassen, die, wenn sie ihren Sinn erfüllen sollen, den Nachweis von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Absender und Empfänger bedingen. Auch maßen sich Zollämter an, private Pakete aus der Bundesrepublik in die Zone eigenmächtig zu Öffnen und zu durchsuchen.