Von Wolfgang Leonhard

In der Sowjetunion hat jede Änderung, jede gewichtige Maßnahme, die irgendwo ergriffen wird, nicht nur in ihrem ureigensten Bereich Auswirkungen, sondern überall im ideologischen Gebäude und im gesamten Apparat. Das liegt daran, daß das gesellschaftliche Leben, also die historische Wirklichkeit, im kommunistischen Staat sich ja nicht natürlich entwickelt, sondern künstlich (und schmerzhaft) zurechtgestutzt wird, bis es der Ideologie des Kommunismus entspricht. Wird irgendein Dogma herausgebrochen, so hat dies Folgen, die für den Außenstehenden gar nicht zu übersehen sind. Wir haben Wolfgang Leonhard, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist, in den Kaderschulen der Partei erzogen wurde und sein Leben lang – ein allerdings noch junges Leben lang – sich mit der Konstruktion des sowjetischen Machtapparates befaßt hat, gebeten, die vorgesehene Auflösung der MTS zu kommentieren. Seine Analyse eröffnet erstaunliche Perspektiven.

Wenn der Vorschlag Chruschtschows, die Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) aufzulösen, verwirklicht wird, so dürfte dies die wichtigste Wandlung im System der sowjetischen Landwirtschaft seit Stalins Zwangskollektivierung von 1929 bis 1933 darstellen. Jener Vorschlag vom 22. Januar ist vorige Woche vom Zentralkomitee der KP gebilligt und dem Obersten Sowjet zur Prüfung, zugeleitet worden.

Die Begründung, die Nikita Chruschtschow gab, war folgende: Die MTS hätten, so sagte er, in der Vergangenheit zwar beim Aufbau und der Entwicklung der sowjetischen Landwirtschaft eine große Rolle gespielt, sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht, inzwischen aber seien die Kollektivwirtschaften entwickelt; sie verfügten über genügend Fachleute und seien politisch durch die Parteiorganisationen auf dem Lande gefestigt. Daher bestünde keine Notwendigkeit mehr, die MTS aufrechtzuerhalten. Ihr Weiterbestehen würde sich sogar negativ auswirken, da es zwei Apparate für ein und dieselbe Sache gäbe: einmal die Verwaltung der Kollektivwirtschaften und parallel dazu den Apparat der MTS. Dort aber, wo es zwei Wirte gäbe, sei nie eine gute Ordnung zu finden. Darum sei es an der Zeit, die in den MTS konzentrierten Maschinen an die Kollektivwirtschaften zu verkaufen und der bürokratischen Verteilung landwirtschaftlicher Maschinen vom Zentrum aus ein Ende zu setzen.

Bei diesem Vorschlag Chruschtschows handelt es sich nicht nur um eine tiefgreifende Umwälzung des Systems der sowjetischen Landwirtschaft, sondern auch um eine gewichtige ideologische Frage. Denn mit dieser Maßnahme wird eine bisher über jede Kritik erhabene These der Sowjetideologie in Frage gestellt.

Es gibt in der sowjetischen Landwirtschaft zwei Betriebsformen: Der größte Teil der bebauten Landflächen wird von den Kollektivwirtschaften (Kolchosen) bearbeitet. Sie sind dem Statut nach freiwillige Produktionsgenossenschaften, die aber irrWirklichkeit einer absoluten Kontrolle der Partei und der Staatsbehörden unterstehen. Die Kolchos-Mitglieder haben zwar eine kleine Parzelle in Privatbesitz, ihre Arbeit im Kolchos aber hat absoluten Vorrang. Pro Jahr müssen sie eine bestimmte (kürzlich erhöhte) Zahl von Arbeitstagen leisten und werden nach einem genau festgelegten Normensystem, vorwiegend in Naturalien, entlohnt. Gegenwärtig gibt es 87 500 Kolchose in der UdSSR, mit einer Durchschnittsgröße von 1700 Hektar.

Die Staatsgüter (Sowchose), ursprünglich aus der Übernahme der früheren großen Gutsbetriebe entstanden, werden direkt durch staatlich eingesetzte Direktoren geleitet. Sowohl das gesamte Eigentum der Sowchose als auch ihre Produktion gehören dem Staat. Die Größe der gegenwärtig bestehenden 5000 Sowchosen beträgt durchschnittlich 15 000 bis 25 000 Hektar.