H. W. Flensburg

Wenn die Bewohner der kleinen nordfriesischen Hallig Hooge einmal die Geschichte ihrer Heimat schreiben, dann werden sie einem Kapitel die Überschrift geben müssen: Der Gänsekrieg von Hooge. Sie werden dann davon berichten, daß im Herbst des Jahres 1957 zwischen dem Lehrer der kleinen Halligschule (in der 27 Kinder unterrichtet werden) und der Pächterin eines Hofes auf der Okelütswarft eine heftige Fehde entbrannte, in der es um nichts anderes ging als um die Gänse der Warft. Oder besser gesagt: Um die Frage, ob die Gänse einen "ruhestörenden Lärm" verursachen und damit den Unterricht und die Arbeit des Lehrers stören. Denn auf der Okelütswarft liegen sowohl der fragliche Bauernhof als auch die Schule der Hallig. Sie grenzen eng aneinander, und die Schlafzimmerfenster der Lehrerwohnung liegen zur Hofseite.

Dem jungen, seit eineinhalb Jahren auf der Hallig ansässigen Lehrer machten die Nachbarsgänse zuviel Lärm. Er klagte deshalb beim Husumer Amtsgericht gegen die Pächtern der Warft. Dabei berief er sich auf den "Fennenbrief". In diesem mehrere hundert Jahre alten Dokument ist festgelegt, daß auf der Hallig keine Pferde und keine Gänse gehalten werden dürfen – wegen der Grasnarbe.

In der ersten Verhandlung, die im Oktober vor dem Husumer Amtsrichter stattfand, wurde man sich nicht einig. Der "Fennenbrief" sei überholt, erklärte die Pächterin. Es gebe jetzt einen Steindeich. Der sei besser als der Erddeich – und sicherer.

"Die Gänse", so der Lehrer, "halten sich ständig auf dem Hofplatz auf. Unter meinem Schlafzimmerfenster. Es sind fünf an der Zahl, und sie sind laut, wie es Gänse sind. Vor allem, wenn es stürmisch ist in unseren Breiten. Und das ist es sehr oft. Man kann dann weder arbeiten noch schlafen. Geschweige denn unterrichten."

Eine Woche später fuhren die Husumer Richter zum Lokaltermin nach Hooge. Es war stürmisch, es war kalt und es war naß. Frierend standen Beteiligte und Unbeteiligte auf dem Hof der Okelütswarft und – warteten auf die Gänse. Aber die Tiere kamen nicht. Sie hatten sich verkrochen. Der Sturm war ihnen zu heftig. Da entschied der Richter, daß auch weiterhin Gänse gehalten werden dürften. Nur dürften sie nachts nicht auf die Warft.

Gegen das Urteil protestierten beide Kontrahenten. Der Lehrer, weil er meinte, der Lärm würde auf diese Weise doch nicht abgestellt. Die Pächterin, weil sie um das Leben ihrer Tiere fürchtete: "Nachts gibt es so oft und so schnell Landunter, daß man die Gänse nicht mehr retten kann."