Von Andreas Sattler

Das große Werk liegt nun auch auf deutsch abgeschlossen vor, dreißig Jahre später als in anderen Landen, und allerorten wird jetzt nach Gebühr der Hut gezogen vor dem Wagemut des Verlegers und der übersetzerischen Leistung, die eine Großtat bliebe, auch wenn sie stellenweise noch anfechtbarer wäre:

Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", Band VII: "Die wiedergefundene Zeit", deutsch von Eva Rechel-Mertens; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 563 S., 24,– DM.

So will auch ich mein Mützchen lüften und Ehre geben, wem Ehre gebührt – und ein bißchen das enfant terrible nicht nur spielen, sondern sein. Denn es bestätigt sich wieder, was man in der angelsächsischen Welt seit Jahrzehnten beobachten kann: Proust gilt als etwas besonders Feines (das stimmt!), aber in dem Sinn, daß es besonders fein macht, über ihn zu reden.

Allerorten ist nun wieder verschmockt Tiefsinniges zu lesen über das Paradoxe der Zeit und über das Gedächtnis. Es fällt der Name Bergson, und dann kommt die Geschichte von dem Sahnekuchen, den der Erzähler Marcel in seine Teetasse tauchte, worauf seine Erinnerung in Fluß geriet, bis sie sich in viertausend Seiten verströmt hatte.

Ich bin, Gott sei’s geklagt, auch das, was man einen gebildeten Menschen nennt, aber bei dem Kuchen fällt mir nur ein: Man stippt nicht. Mit anderen Worten: Muß man denn Proust immer so fein, so verstiegen beikommen, statt bei dem Eigentlichen zu bleiben: daß hier ein unvergleichlich bedrängter Mensch sein subtil gemartertes Leben erzählt?

Das Interesse an Proust war immer groß. Ja, er gehört zu den Autoren, an denen besonders interessant die Bücher sind, die über sie geschrieben werden. Viele Leute würden jederzeit ein Buch über einen solchen Autor lesen, von dem sie selten ein Buch zur Hand nehmen.