Von Hans Gresmann

Wer, von Norden kommend, an einem regenverhangenen Wintertag in die Messestadt an der Pleiße einfährt, dem bietet sich ein deprimierender Anblick: düstere Fassaden, deren schmutziges Grau durch die vielen bunten Fahnen, die dem Besucher entgegenflattern, nur noch unterstrichen wird. Und wer da meint, dieses sei der Vorort-Eindruck vieler Großstädte, der hat die Leipziger Innenstadt noch nicht gesehen. Was Goethe einst das "Klein-Paris" nannte, ist sofern es Materie war, zum Teil den Bomben des Krieges und, sofern es Geist war, dem Würgegriff des Nachkriegssystems zum Opfer gefallen. Die bunten Fahnen, die über Leipzig wehen, können nicht vertuschen, daß über Leipzig die rote Fahne weht.

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Unter dem Neuen Rathaus, das in nächtlichfestlicher Scheinwerferbeleuchtung wie eine Zwingburg aus alten Zeiten wirkt, liegt der Ratskeller. Seine eine Hälfte ist für ausländische Messebesucher (For Foreign Fair Visitors) reserviert. Diese "Maßnahme", die der Bequemlichkeit der Visitors und damit zugleich der östlichen Propaganda dient, wird ganz offenbar auch von der Leipziger Jugend sehr geschätzt. Alle großen Autos nämlich, jene abenteuerlichen chromglitzernden und ledergepolsterten Gebilde aus einer gar nicht weit entfernten und doch so fernen Welt, stehen hier vor dem Ratskeller zu Hauf und werden stundenlang bewundert mit fachmännischinspizierenden Blicken ...

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Der Messebesucher müsse sich in Leipzig sogleich polizeilich anmelden, stand auf irgendeinem der bedruckten Papiere. Es dauerte eine gute Stunde, bis ich, am Sonnabendnachmittag, auf meinem "Hier – nicht; – Gehen – Sie – dorthin" – Weg vom Pressezentrum über das Rathaus, das Stadthaus, eine Polizeiwache zu einer Dienststelle im Hauptbahnhof gelangt war, wo ich meinen lebensnotwendigen Polizeistempel und auch die im Verhältnis eins zu eins umgetauschten DM-Ost empfing. Die Polizeiwache übrigens, die zuständig sein sollte, es dann aber doch nicht war, liegt gegenüber dem ehemaligen Reichsgericht. Dort stehen heute keine Menschen mehr, dort steht die Vergangenheit vor Gericht. Georgi-Dimitroff-Museum liest man über dem Eingang und erfährt, daß drinnen dokumentarisches Material über den – jetzt gerade 25 Jahre zurückliegenden Reichstagsbrandprozeß – ausgebreitet ist.

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