Von Eduard Trier

Wenn man zuerst nur den Titel des Buches zur Kenntnis nimmt, erfaßt den ahnungslosen Leser ein leichtes Unbehagen:

Julie Braun-Vogelstein: "Geist und Gestalt der abendländischen Kunst"; Verlag Martinus Nijhoff, Den Haag; 65 Tafeln, 379 S., 27,50 DM.

So hochbedeutende und zugleich abgedroschene Worte in einem Buchtitel – kann das gut gehen? Julie Braun-Vogelstein hat nicht mit leeren Schlagworten operiert. Sie hat versucht, das Thema. "Abendländische Kunst" neu zu durchdenken. Die stille Nachdenklichkeit des Buches steht nur in merkwürdigem Gegensatz zum Klappentext, der etwas reißerisch neue Forschungsergebnisse anmeldet.

Schon äußerlich unterscheidet sich das Werk durch sein Lesebuchformat, den schlichten Schutzumschlag und die wenigen Schwarzweißtafeln, die allerdings oft nach schlechten Klischees gedruckt wurden. Hier geht die Unscheinbarkeit zu weit! Klare Abbildungen dienen der Sache.

Julie Braun-Vogelstein hat den Versuch unternommen, in neunzehn Kapiteln, in denen jeweils die Architektur oder eine der bildenden Künste einer ganzen Stilepoche behandelt wird, eine Struktur- und Wesensdeutung zu geben. Sie schreibt also keine vollständige Entwicklungshistorie, ebenfalls keine morphologische Kunstgeschichte, sondern sie untersucht ausgewählte Typen, die eine generelle Auslegung zulassen. Ihre Sprache ist geschmeidig, zutreffend, offensichtlich von einem klaren, philosophisch geschulten und umfassend gebildeten Geiste diktiert. Man liest sie mit Genuß, der nur hin und wieder von der Weitschweifigkeit und der Wiederholung getrübt wird.

Die Ergebnisse, die die Autorin nach erneuter Befragung der Kunstwerke vorlegt, sind zweifellos oft originell und überraschend. Sie beweisen die Gibe der Verfasserin, eindringlich zu analysieren und schöpferisch zu deuten. So scheinen mir ihre Abhandlungen über das griechische Relief, über den Schatten in Malerei und Skulptur, über das byzantinische Mosaik und die romanische Malerei vortrefflich zu sein.