Die Stadt. Darmstadt liegt zwar nicht in Hessen / sondern in dem Gerawer Land / jenseit des Mayns / nach der Bergstraßen zu / und drey Meylen von Franckfurt / ist aber doch Landgraff Ludwigs und ihrer Fürstlichen Gnaden beyder Brüder / nemlich Landgraff Philippi und Friedrichs stetige Hoffhaltung gewesen / ligt an einem fruchtbaren Ort / da an Wein / Getreyd und allen andern Victualien eine volle Genüge ist / des vielfältigen WM in den nechsten Wäldern dabey / mit welchem sich gemeldete Fürsten täglich ergetzen / zu geschweigen. (Willem Blaeu, Appendix Theatri 1631)

Darmstadt, im Mari

Wer sich von der Rheinebene und von der Autobahn her dem Odenwald näherte, fand vor noch nicht allzu langer Zeit auf der rechten Straßenseite das Schild "Landeshauptstadt Daimstadt". Obwohl die einstige Residenz der hessischen Großherzöge ihre Hauptstadtwürde schon vor mehr als einem Jahrzehnt an das nahe Wiesbaden abtreten mußte, hat die Straßenbau Verwaltung jenes Ortsschild noch viele Jahre lang gehegt und gepflegt. Jetzt ist es verschwunden, und man liest nur noch: "Darmstadt".

Dabei ließe sich diesem Namen in aller Bescheidenheit noch mancherlei hinzufügen: Stadt der neuen Musik, der Kunst überhaupt, Stadt Georg Büchners und Justus von Liebigs – Auszeichnungen freilich, die man kaum einem Ortsschild anvertrauen mag. Aber angängig wäre: "Darmstadt an de Bergstraße." Denn die Bergstraße, ist. das etwa nichts? Und sie beginnt eindeutig innerhalb der Stadtgrenzen, bewacht von der Burg Frankenstein. Die Bergstraße – das ist die klassische Landschaft des Vorfrühlings; und darum sollten auch in diesen Wochen alle, die von Nord nach Süd reisen, eine Rast in Darmstadt einlegen ...

Dem Wald verdankt diese fränkische, erst in der Neuzeit in das Hessenland einbezogene Siedlung ihren Ursprung. Darimund, von dem die Schriftsprache einen hohlen Darm, die Mundart gerade noch einen "Damm" übriggelassen hat – "Starrr-tion Dammstadt" soll der Bahnhofsvorsteher ausgerufen haben, den man ermahnt hätte, das R deutlicher auszusprechen – jener Dermund also mag zu Karls des Großen, Zeiten ein Aufseher in dem großen kaiserlichen Bannforst Dreieich gewesen sein. Eine schnurgerade breite Schneise ist auch heute noch die alte Straße vom Rhein zu der Großstadt im Walde. An ihrem Ende sticht wie eine winzige rote Nadel das dreiunddreißig Meter hohe Sandsteinmonument in den Himmel, genannt "der lange Ludwig"; dahinter erkennen wir bald die Barockfront des Schlosses; diese beiden Wahrzeichen wenigstens haben den Krieg überstanden.

Die Altstadt ist nicht mehr; dafür regen sich nun in allen Stadtteilen die Avantgardisten einer neuen Baukunst. Sie wird nicht überall mit Beifall aufgenommen; aber gegen die neue Umgebung des Schlosses und gegen die strengen Fassaden der innenstädtischen Hauptachsen ist wohl nichts einzuwenden.

Der Geist, in dem die Darmstädter mit ihren Trümmern fertig wurden, spricht aus den Erinnerungen des Dichters Bernard von Brentano an das Jahr 1947: "Im Landestheater spielte man mein Schauspiel ‚Phädra‘. Das Wetter war kühl und regnerisch. Die Straßenbeleuchtung funktionierte noch nicht, zu Essen gab’s einen Hundefraß, und die zerstörten Straßen sahen in der Dunkelheit noch verwüsteter aus als bei Tag. Ich stieg am Luisenplatz in die Straßenbahn und dachte bei mir: Wohnen denn in diesen schaurigen Trümmerhaufen noch Menschen? Und wenn es hier noch Menschen geben sollte, werden sie bei dieser miserablen Straßenbeleuchtung und mit dieser armseligen Straßenbahn ins Theater fahren, um sich ein modernes Stück anzusehen? Aber als ich um halb acht ins Theater kam, war das Haus bis auf den letzten Platz besetzt..."