Ordnung und Freiheit – das sind die tragenden Säulen, auf denen allein eine Gesellschaft freier Menschen ruht.

Diese These ist indessen nur zutreffend, wenn wir sie richtig deuten und wenn wir das natürliche Gefühl dafür aufbringen, was Ordnung und Freiheit überhaupt bedeuten. Leider darf das nicht als selbstverständlich gelten, nachdem so viele Mechaniker einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Regelung ihr verderbliches Unwesen getrieben und sich angemaßt haben, jeder Ideologie und jeglichem politischen Wunschtraum die gemäße "Ordnung" zu konstruieren Dies haben die Völker mit tiefem Leid, mit wirtschaftlichem und sozialem Verfall bezahlt, mit der Entseelung des Lebens, dem Verlust ihrer Freiheit – aber gleichwohl zögere ich zu fragen, ob sie wohl auch geheilt sein werden. Es ist offenbar zu verlockend, die Welt "nach seinem Bilde formen" zu wollen. Und das ist dann meist ein Bild, das vom menschlichen Wollen und Fühlen abstrahiert ist und mit der lebendigen Wirklichkeit nichts mehr gemein hat. Und darum entsteht an Stelle der Ordnung der Zwang. "Die haben die Erde zur Hölle werden lassen, die sie zu ihrem Himmel machen wollten."

Wie also verstehen wir recht, was Ordnung ist? Gewiß nicht das, was nach einem oberflächlichen Sprachgebrauch Ordnung heißt und sich als kollektivistisch-dirigistische Methoden entpuppt. Denn durch solche Pseudo-Ordnung soll meist nur der Eigennutz verdeckt, es soll der Egoismus mit dem Mantel der "Ordnungsliebe" verhüllt werden. Es handelt sich hier also um jene Teilordnung, welche Privilegien sichern oder einem Schutzbedürfnis dienen sollen. Und wahrhaftig: Nach einer zehnjährigen Erfahrung als Wirtschaftsminister wird kein Mensch es mir verübeln können, wenn ich sage, daß ich mißtrauisch geworden bin und daß ich, sobald solche Teilordnungen angepriesen werden, zunächst immer ein Attentat auf die organische und gleichgewichtige Ordnung wittere. Dieses gesellschafts- und wirtschaftspolitische Kästchen- und Zusammensetzspiel kann zu nichts Gutem führen, weil die Vielzahl von Teilordnungen zuletzt nur durch Dirigismus gebändigt werden kann. Der aber wird dann seinerseits zur Quelle neuen Übels. Hier gilt es also, den Anfängen zu wehren.

Die rechte, wohlverstandene Ordnung beruht auf dem organischen Ausgleich der Kräfte, die stets zu einem neuen Gleichgewicht hindrängen, und gerade das hat die Freizügigkeit zur Voraussetzung. Das gilt gleichermaßen für den gesellschaftlichen, den wirtschaftlichen und den sozialen Bereich unseres Lebens. Solche Art von Ordnung schließt sehr wohl gewollte Ziele und Vorstellungen ein, aber diese sind dann nur als Einheit für das Ganze zu begreifen und dürfen nicht der Willkür individueller Entscheidungen – der Bevorzugung oder der Benachteiligung – preisgegeben sein. Wir sind allerdings durch eine allzu lang geübte Praxis der Plan- und Zwangswirtschaft allenthalben schon so verbildet, daß wir nur noch dann an Ordnung zu glauben vermögen, wenn sie mit Geräusch verbunden ist – und wäre es auch nur das Knirschen des Sandes im Getriebe; die lautlose, harmonische Ordnung wird nur schwer geglaubt. Jede wahre Ordnung indessen ruht in sich selbst und bedarf nicht dauernd neuer und vermeintlich notwendiger Korrekturen.

Und wie steht es um den Begriff – ja ich möchte fast sagen: um unser Gefühl, um unsere innere Einstellung zur Freiheit?

Jeder wird anerkennen wollen, daß die Freiheit nicht schranken- und zügellos sein darf. Aber damit ist es eben nicht getan, zumal dann nicht, wenn das individuelle Wollen freiheitlicher Betätigung mit den freiheitlichen Vorstellungen Dritter in Widerstreit gerät. Hier hat zum Beispiel die Freiheit der Sozialpartner ihre Grenzen: sie darf eben nicht zum Nachteil der Allgemeinheit ausschlagen; hier wird das Eigenstreben der Kartelle begrenzt, wenn sie durch ihre Vereinbarungen mittel- oder unmittelbar den Verbrauch und den Lebensstandard in einer Volkswirtschaft bestimmen oder doch verändern wollen; und welche Freiheit meinen die Berufsordnungen, die in restriktiver Handhabung den Zugang zu bestimmten Gewerben erschweren oder gar verhindern möchten?

Eine Freiheit, die nicht um das Ganze weiß, eine Freiheit, die sich nur an individuellen, egoistischen Interessen ausrichtet und dafür womöglich noch staatlichen Schutz oder Duldung fordert, wird zu einem Zerrbild dieses höchsten Wertes. Nur wer um den Segen der Freiheit weiß, wird vor dem Übermaß an Verantwortung schier erschrecken, die dem Menschen damit aufgebürdet ist, und sein Gewissen wird ihn dann stets zur Ordnung rufen wollen. Freiheit setzt darum allerdings auch den Mut zur Bewährung und zur Leistung voraus. Wo das Gefühl für diese Notwendigkeit erschlafft, werden die Untüchtigen und die Faulen das Schicksal eines Landes und Volkes bestimmen und die "Freiheit" setzen wollen, "die sie meinen".