Zweierlei Anfechtungen ist der "Seiler Teller" mit schöner Regelmäßigkeit ausgesetzt. Die eine kommt von denjenigen, welche meinen, von allen Maßstäben, ein Buch zu messen (und es gibt deren wahrhaftig eine verwirrende Vielzahl), ei die der Nachfrage bei den führenden Buchhandlungen des Bundesgebietes der allerdümmste. Wir können uns dieser Auffassung nicht ganz anschließen und haben unsere Meinung zuletzt in der ZEIT Nr. 6 begründet.

Die andere Anfechtung kommt von anderer Seite: Es ist ia unsinnig, wird da gesagt, die Nachfrage auf führende Buchhandlungen beschränken zu wollen. Was bedeutet es schon, wenn in solchen Buchhandlungen etwa tausend Exemplare eines Buches verkauft werden; in der gleichen Zeit verkaufen ja die Buchgemeinschaften von anderen Büchern Zehntausende, die im Seiler Teller gar nicht registriert werden.

Es fällt oft schwer, den Unterschied zwischen der echten Nachfrage (in den Buchhandlungen) einerseits und der bewußt gesteuerten Nachfrage (bei den Buchgemeinschaften) andererseits zu erklären; zu begründen, warum diese bewußt gesteuerte Nachfrage (was immer ihre Verdienste sein mögen) keinen brauchbaren Maßstab liefern kann.

- Jetzt jedoch liegt mir gerade ein solcher Fall einer gesteuerten Nachfrage vor, bei dem mir das Ergebnis so sympathisch sein muß, daß ich vielleicht auf freundliches Verständnis rechnen darf, wenn ich erkläre: dieses Ergebnis ist statistisch unbrauchbar.

Wenn es nämlich nach den Ermittlungen unserer Werbeabteilung ginge, dann wären die folgenden drei Bücher die bei weitem begehrtesten: Dudinzews "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", Leonhardts "77 mal England" und Knaurs Weltatlas.

- Gegen solche gesteuerte Nachfragen läßt sich ar nichts einwenden, außer eben dem: daß sie ür nichts typisch sind, daß sie kaum einen über den Einzelfall hinausreichenden Aussagewert haben. Die "Steuerung" erfolgt bei unserer Werbeabteilung wie bei den Buchgemeinschaften: durch Vorschlagsbände. Man hat dort einen netten f ustrierten Katalog aufgestellt (der übrigens auf forderung noch gerne zu haben ist), in dem — e verlockende kleine Bibliothek zusammenellt wird für alle diejenigen, die bei der Auf4"e helfen: Leser für die ZEIT zu werben. Jbngens braucht niemand sich an den Katalog halten. Jedes Buch, das sich einigermaßen an ;, Preiskategorie der Vorschlagsbände hält, d für den Abonnentenwerber gerne besorgt. "T der letzten Monatsaufstellung gewünschter a1her finden sich auch bekannte Titel wie umeister der Welt" (Zweig) oder "Erzählungen" Sfafka) und weniger bekannte wie "Schicksalsagen der Gegenwart" oder "Die Rose als Objekt JJr Züchtung".

Auf Umwegen kann man sicher auch durch die gesteuerte Nachfrage manches erfahren. Im Seiler Teller bevorzugen wir den direkten Weg; denn unser Ziel ist hier nicht Werbung und nicht Liteir turkritik, sondern Information über den Lesergeschmack. R. W. Leonhardt