Von A. E. Johann

Auf seiner Weltreise hat A. E. Johann, der in unseren letzten Ausgaben die Verhältnisse in Neuseeland und Australien schilderte, inzwischen die nördliche Küste des Pazifischen Ozeans erreicht. Heute berichtet er aus Südkorea, wo er auf seiner Rundfahrt um den riesigen Landkomplex Rotchinas – das ihm bislang die Einreise verwehrte – Station gemacht hat. Korea, seit hundert Jahien Spielball der rivalisierenden Mächte China, Rußland und Japan, ist längst nicht mehr das "Land der Morgenstille – gewiß nicht mehr seit jenem Morgen des 25. Juni 1950, an dem die Schüsse der nordkoreanischen Angreifer die sonntägliche Stille zerrissen und die Welt bis hart an den Rand des dritten großen Krieges trieben. Der drei Jahre danach abgeschlossene Waffenstillstand von Panmunjon hat keines der Probleme Koreas gelöst; eine dauerhafte Friedensregelung kam nie zustande. Noch immer ist das Land längs des 38. Breitengrades geteilt, und der Weg zu seiner Wiedervereinigung ist ebenso hoffnungslos blockiert wie der zur Wiedervereinigung Deutschlands. Welch gefährliche Sprengladung das koreanische Pulverfaß birgt, haben die Ereignisse der letzten Wochen wieder offenkundig werden lassen: die diplomatische Offensive der Rotchinesen, die ihre Truppen hinter den Grenzfluß Ylu zurücknehmen wollen, um so den Abzug der amerikanischen Truppen zu erreichen, und die erregten Demonstrationen der Südkoreaner, die nach dem jüngsten kommunistischen Luftpiratenstück – der Entführung einer südkoreanischen Passagiermaschine – von neuem lautstark den "Marsch nach Norden" und die "Vernichtung des Kommunismus" fordern. Die Amerikaner haben alle Mühe, ihren unruhigen Verbündeten Syngman Rhee an der Kette zu halten. Der gefährliche Widersinn einer Politik, die in der willkürlichen Zerstückelung von Staaten und Völkern der politischen Weisheit letzten Schluß sah, wird am Beispiel Koreas besonders deutlich.

Seoul, im März

Allen Reisen nach und um und in Asien liegt das große China wie ein riesiger Klotz im Wege. Wann und wo auch immer ich in den USA, in Kanada oder Australien die Fragen des Ostens erörtern wollte, stets landeten meine Partner und ich nach wenigen Minuten bei dem Kernproblem:

Wie ist das rote China zu beurteilen? Was geht innerhalb seiner streng gehüteten Grenzen vor? Wo hört die Kulisse auf? Wo fängt die Wahrheit an?

Ich hatte im Januar 1957 ein Visum für die Einreise nach Rot-China beantragt, allerdings ohne irgendwelche "Beziehungen" oder "Querverbindungen" zu benutzen. Ich erhielt zweimal sehr höfliche Bestätigungen – auf Deutsch –, daß mein Antrag sich "in Bearbeitung befände".

Wie gut war ich beraten, daß ich mich nicht darauf verließ, den freundlichen Bestätigungsbriefen der rotchinesischen Botschaft aus Bern würden auch die entsprechenden Taten folgen; ich hatte vielmehr meine Pilgerfahrt nach dem Fernen Osten von vornherein so angelegt, daß ich den Chinesen auf alle Fälle so nahe wie möglich auf den Leib rücken könnte, um wenigstens einen Blick – sozusagen durch ein Astloch im Zaun – ins Reich des einstmals goldenen, heute rot gewordenen Drachen zu werfen. Ich bin also zunächst nach Korea gefahren. Hier – und dann natürlich vor allem in Hongkong – erhielt ich nicht nur die Auskünfte über China, nach denen mir der Sinn stand, sondern erfuhr unendlich viel mehr. In Korea also, im "Lande der Morgenstille", das seinem Namen keine Ehre mehr macht, soll meine Reise um das "Land der Mitte" beginnen; in Afghanistan erst soll die Fahrt "Rund um China" enden.