Max Dauthendey wäre ein großer Dichter geworden, wenn er mehr Geld gehabt hätte. Das klingt seelenroh, aber die Kunst geht nicht nur nach Brot, sie wächst auch durch das Brot. Es steht ein Haus auf dem Frauenplan in Weimar, in dem einem die Zusammenhänge zwischen Geld und Größe aufgehen. Dauthendey gehörte zu dem schon vor dem ersten Weltkrieg so gut wie ausgestorbenen Dichterschlag, der sich einbildete, daß die Welt für ihn sorgen müsse, damit er dichten könne.

Er war berühmt, aber nicht erkannt; er fehlte in keiner Literaturgeschichte, aber in den Buchhandlungen. Er war kein Epigone und kein neuer Anfang, auch wenn Stefan George zu ihm sagte, seine Gedichte „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe... eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei“. Das ist, wie oft bei George, nicht so tief wie es klingt – aber tatsächlich erinnert diese Lyrik an nichts so sehr wie an Malerei, an Farben, genauer gesagt: eine Farbenorgel, zierlich hingesetzte Buntheit neben wild herausgeschleuderten Klecksen; nicht zufällig hieß einer dieser Gedichtbände „Ultraviolett“, denn über diesen Versen liegt wahrhaftig eine mit freiem Auge nicht mehr wahrnehmbare Farbenwelt.

Ihr jagte er sein Leben lang nach, ewig plagte ihn die Sehnsucht nach der exotischen Fremde – und dort die Sehnsucht nach der Heimat, nach seinem Würzburg. Der Wandertrieb, von dem, er sich den dichterischen Durchbruch versprach, machte sein Leben zur Handlung eines oft unwiderstehlich komisch anmutenden Romans, der im Grunde tragisch war und tragisch endete. Dieser Roman seines Lebens liegt jetzt in Briefen und anderen unveröffentlichten Dokumenten in einer schönen Ausgabe vor:

Max Dauthendey: „Sieben Meere nahmen mich auf.“ Langen-Müller Verlag, München. 400 S., 19,80 DM.

Er sah aus wie ein indischer Märchenprinz und lebte wie ein Dichterling von Wilhelm Raabe. Er hungerte nicht selten, und wenn dann das Wunder in Gestalt einer größeren Postanweisung geschah, ging er sofort auf eine Weltreise. Als er einmal nicht mehr aus noch ein wußte, schrieb seine Frau, eine Schwedin, an ihren Vater, ihr Mann sei plötzlich an Hirnschlag gestorben, er möge das Beerdigungsgeid schicken. Läßt sich ein schauerlicherer Einfall denken? (Wie die Geschichte wohl weitergegangen sein mag?)

Mit dem väterlichen Erbe ging er nach Mexiko, um unter Palmen zu dichten – und kehrte fast auf der Stelle um, weil er fühlte, daß er dort keine Gedichte schreiben konnte. Und sein Erbteil war weg.

Bei Würzburg, tief im Grünen, wollte er sich ein Haus bauen, eine Dichterklause, nirgends sonst, sagte er, könne er schaffen; er nahm das Geld für den Bau auf – und ging auf eine Weltreise. Die letzte dieser Weltreisen trat er 1914 an; sie besiegelte das Schicksal des Dichters. Vier Jahre kämpfte er mit der Not und der Malaria und dem Heimweh auf Java; und dort ist er, etwas über fünfzig, gestorben, als der Weltkrieg zu Ende Ring.

Sein Leben war dichterisch zwingender als sein Schaffen, und es ist schön, den traurig-heiteren Spuren des Halbverschollenen in diesem Band zu folgen, in dem auch manche amüsante Geschichte über berühmtere Zeitgenossen steht, Verlaine etwa, Edvard Munch und Strindberg. Für Max Dauthendey war, nach seinen eigenen Worten, das ganze Leben ein Fest. Aber er blieb die Zeche schuldig. Andreas Sattler