Kurse von Stamm- und Vorzugsaktien

Haben Sie eine Erklärung für die unterschiedlichen Kursnotierungen einiger Stamm- und Vorzugsaktien?

Beispiel: MAN-Stammaktien wurden in Düsseldorf am 21. 2. 1958 mit 198 v. H. notiert, die Vorzugsaktien am gleichen Tage mit 175 v.H. – Soweit mir bekannt, ist die Majorität in festen Händen. Der Stamm-Aktionär hat also praktisch nichts von seinem Stimmrecht. Die Vorzugsaktie von MAN erhält die gleiche Dividende – und im Falle schlechter Verhältnisse, laut Bankauskunft, in jedem Falle mindestens 4 v.H.

F. K., Wuppertal-Elberfeld

Antwort: Es ist leider ein vielverbreiteter Irrtum, wenn man annimmt, daß beim Vorhandensein eines Großaktionärs das Stimmrecht nichts mehr wert ist. Dieser Ansicht kann man deshalb nicht nachdrücklich genug entgegentreten, weil in den Köpfen vieler Volksaktienväter immer noch der Gedanke spukt, die zu schaffende "Volksaktie" von vornherein ohne Stimmrecht auszustatten (und damit eine "minderwertige" oder "kastrierte" – wie es an der Börse heißt – Aktie zu schaffen). Selbst wenn 95 v.H. des stimmberechtigten Kapitals in einer Hand liegen, hat das Stimmrecht noch immer einen Wert. Denn wer weiß denn, ob der Großaktionär nicht eines Tages gezwungen ist, seinen Besitz zu verkleinern? Dann könnte eine andere Gruppe wirtschaftliches Interesse an dem Unternehmen bekommen und versuchen, sich eine entsprechende Position zusammenzukaufen. Wie groß der Wert des Stimmrechts werden kann, haben wir in den während der vergangenen Jahre stattgefundenen Kämpfe um die Majoritäten eindrucksvoll demonstriert bekommen. Auch heute noch wird bei verschiedenen Gesellschaften hart um das Stimmrecht gerungen, was sich an der Börse stets in entsprechend hohen Aktienkursen widerspiegelt. Der stimmrechtlose Vorzugsaktionär nimmt an solchen Steigerungen nicht teil; er ist Objekt.

Nehmen wir Ihr Beispiel MAN. Nach der von der Commerzbank-Gruppe herausgegebenen Schrift "Wer gehört zu wem?" liegen etwa 63 v. H. des 75 Mill. DM betragenden MAN-Aktienkapitals beim Gutehoffnungshütte Aktienverein, Nürnberg/Oberhausen. Theoretisch ist es durchaus möglich, daß sich eine andere Gruppe für eine Minderheitenbeteiligung (25 v. H.) bemüht, um zu steuerlichen Vorteilen zu kommen. 25 v. H. des AK bedeutet außerdem die Sperrminorität, das heißt, mit einem solchen Kapitalanteil kann man auf der Hauptversammlung wichtige Vorschläge der Verwaltung einfach ablehnen, also unter Umständen die Arbeit des Vorstandes blockieren.

Schon aus diesen wenigen Gesichtspunkten können Sie ersehen, wo der Wertunterschied zwischen Stamm- und stimmrechtloser Vorzugsaktie liegt. Ein Aufschlag auf die Stammaktien ist in fast allen Fällen gerechtfertigt. Eine Ausnahme: Wenn die – Gesellschaft nicht in der Lage ist, Dividenden zu zahlen, dann werden Vorzugsaktien, die – wie im Falle MAN – mit einer nachzahlungspflichtigen Vorzugsdividende ausgestattet sind, oftmals höher bewertet, weil in dieser Situation der Faktor "Rendite" die entscheidende Rolle spielt.