Es kann nicht ausbleiben, daß die sich zuspitzende Lohnsituation in der Eisen-, und Stahlindustrie ihren Niederschlag auch in den Kursen der Montanaktien findet. An der Börse rechnet man im allgemeinen so: Kommt es zu einer Lohnerhöhung (ganz gleich welchen Ausmaßes), dann können die damit steigenden Unkosten angesichts der ziemlich verfahrenen Marktlage für Eisen und Stahl nicht abgewälzt werden. Sie gehen also zu Lasten der Ertragsspanne. Folglich werden die Pläne der Investitionsfinanzierung gestört, denn die Montanindustrie pflegte bislang den weit überwiegenden Teil ihrer Erträge zur Selbstfinanzierung zu benutzen; die den Aktionären ausgezahlten Dividenden spielten in der Gesamtrechnung nur eine untergeordnete Rolle. Sie sollten auch in Zukunft in mindestens gleicher Höhe ausgezahlt werden können – trotz Lohnerhöhungen und sich abflachender Konjunktur –; aber leider liegen die Dividenden noch immer in der politischen Schußlinie. Deshalb sind sie in Gefahr, in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Und das ist gerade im Falle der Montanaktionäre besonders bedauerlich. Sie haben in den letzten Jahren auf "angemessene" Dividenden, wie sie beispielsweise in der Chemie und in der Elektrotechnik gezahlt worden waren, verzichten müssen, weil die Unternehmen die steuerlich zulässigen Abschreibungen bis zum letzten Pfennig ausnutzen wollten. Gerade jetzt sollte eine bessere Zeit anbrechen. Die Furcht, daß diese Hoffnungen nun nicht in Erfüllung gehen könnten, hat viele Aktionäre mißgestimmt und zum Verkauf der Papiere bewogen.

In der Diskussion um die Montan-Dividenden darf man jedoch nicht die steuerliche Seite vergessen. Denn tritt die Senkung der Körperschaftssteuer für ausgeschüttete Gewinne doch noch rückwirkend ab 1.1. 1958 in Kraft, dann sparen die Gesellschaften bei einer Ausschüttung in bisherigen Höhe etwa 20 v. H.; die meisten Unternehmen werden diese Einsparung in Form einer höheren Dividende an ihre Aktionäre weiterleben wollen, bei der Montanindustrie dürfte sie ausreichen, um mindestens die jetzt gezahlten Dividendensätze halten zu können. Man sollte die Dividendenbesorgnisse deshalb nicht zum Mannesdenpessimismus ausarten lassen. Im Falle Mannesmann war die Börse offensichtlich schon bereit, einen solchen Schritt zu machen. Obgleich hier die Dividendenentscheidung für 1957 erst im Mai fällt, ließ die Verwaltung angesichts der ungünstigen Dividendengerüchte diskret durchblicken: es ist voraussichtlich wieder mit 10 v. H. zu rechnen. Das hat den Mannesmann-Kurs gestützt; angesichts der breiten Streuung dieser Papiere darf man jedoch keine Wunder von derartigen Erklärungen erwarten. Ebensowenig war die Dividendenerhöhung bei Dt. Edelstahl (von 8 auf 10 v.H.) eine Anregung. Erstens wurde diese Aufstockung erwartet und zweitens sind nur noch wenige Aktien im freien Besitz. Übrigens erhalten auch diejenigen der früheren Edelstahl-Aktionäre, die ihre Aktien 1 : 1,5 in Thyssenhütte-Aktien umgetauscht haben, die jetzt angekündigte Dividende. Hüttenwerke Siegerland (Großaktionäre: Dortmund-Hörde und Thyssenhütte) scheinen bei 9 v. H. bleiben zu wollen und auch bei Handelsunion (Großaktionäre: Rheinstahl, Thyssen AG für Beteiligungen und Phoenix-Rheinrohr) dürfte die Neigung, mehr als – wie bisher – 12 v. H. auszuschütten (HV 28. 3.), gering sein.

Die Unsicherheit bei den Montanaktien übertrug sich auch auf die anderen Standardwerte. Hauptsächlich darum, weil die Ausländer durch die sich abzeichnenden Lohnkämpfe in der Bundesrepublik beunruhigt wurden und deshalb Verkäufe von deutschen Wertpapieren vornahmen. Hinzu kommt, daß einige Schweizer Kreise die konjunkturelle Entwicklung offensichtlich ungünstiger beurteilen als unsere Konjunktur-Propheten, die (unter Einschluß der Bundesbank) zwar hinsichtlich des Exports große Fragezeichen machen, aber in puncto Inlandsmarkt die Schwierigkeiten bereits weichen sehen. Viel wird von den USA abhängen. Bislang lag die ganze Last der Konjunkturankurbelung dort auf den Schultern der Notenbankpolitik, die sich auch hier wieder einmal als Feuerwehr bewähren mußte, weil wirtschaftspolitische Maßnahmen eben nur schwerfällig getroffen werden können. Immerhin zeigt der Dow Jones-Index, daß man auch in den USA wieder Hoffnung geschöpft hat, allerdings wohl um den Preis einer stärkeren inflationistischen Entwicklung. Das wird aber eines Tages den Aktien zugute kommen.

Den deutschen Sparer hat der Kaufkraftschwund der D-Mark, der im Februar einen vollen Punkt ausmachte, nicht sonderlich beunruhigt. Die Spartätigkeit war nicht nur auf den Konten bemerkenswert hoch, gleichzeitig blieb die Anlagetätigkeit bei den festverzinslichen Papieren unvermindert rege. Der Zinssenkungstrend ist auf dem Kapitalmarkt ungebrochen. Für einige steuerfreie Pfandbriefe gab es sogar zeitweise eine Art von "grauen Markt", allerdings diesmal mit positivem Vorzeichen: wer größere Posten haben wollte, mußte einen halben Punkt über Notiz bezahlen – und tat es auch! Kurt Wendt