hst, Dortmund

Bei mir fing es am 28. Mai 1954 an. Unter der ersten Post fiel mir ein Brief sofort auf: Vorn prangte die rote 24er-Marke mit Wilhelm Pieck. Eine sympathische Mädchenhandschrift machte mich neugierig. Ich las den Absender: Lisa Bothe, Berlin NW 7, Friedrichstraße 136. Aber ich konnte mich nicht erinnern, jemals eine Freundin mit diesem Namen gehabt zu haben. So riß ich das Kuvert auf. Der Inhalt enttäuschte: Es war das neunundfünfzigseitige Programm des 2. Deutschlandtreffens der Jugend für Frieden, Einheit und Freiheit in Ostberlin – also kommunistisches Propagandamaterial...

Immerhin hätte ich gern gewußt, wer Lisa Bothe ist. Ein wenig später kam ich nach Berlin. Doch ein Besuch in der Friedrichstraße 136 enttäuschte abermals. Das Haus stand – zweifellos schon seit Kriegsende – nicht mehr, und Arbeiter waren eben im Rahmen des "Nationalen Aufbauprogramms" dabei, die Trümmer abzubauen.

Seitdem grüßt mich fast allwöchentlich freundlich lächelnd Wilhelm Pieck von irgendwelchen Briefmarken. Aus den Kuverts fallen mir Regierungserklärungen der Herren Grotewohl und Ulbricht entgegen oder die FDJ-Zeitung Junge Welt oder die Ost-Gewerkschaftszeitung Trilüne oder der Presse-Dienst der CDU-Ost. Auch Handschreiben gibt es da: Friedensfreunde klären mich über den Kriegshetzer Adenauer auf, Kollegen erläutern mir die echte Demokratie, Schulmädchen erfreuen mein Herz mit sinnigen Versen wie: Wenn Ost und West zusammenstehn, dann muß der Strauß bald stempeln gehn.

Einige Zeit habe ich das zum Teil mit Schmunzeln, zum Teil mit beruflichem Interesse gelesen. Das tue ich schon lange nicht mehr. Die ewig gleichen Sprüche langweilen mich, und das berufliche Interesse ist geschwunden. Nur die Absender sind noch interessant. Mitunter schreibt mir auch noch meine inzwischen ganz alte Freundin Lisa, die noch immer in der Friedrichstraße 136 wohnt...

Am 14. Februar 1958 erschien ein Kriminalbeamter des 14. (politischen) Kommissariats in der Wohnung des Dortmunder Journalisten Werner Haak und stellte mit kriminalistischem Scharfsinn fest, daß Haak "fortgesetzt Post strafbaren Inhalts" bekomme. Der Journalist konnte das mit gutem Gewissen bestreiten. Aber bald stellte sich schon heraus, daß Haak das hatte, was man ein "irrendes Gewissen" nennt. Denn auch in seinem Briefkasten hatten sich in den letzten Jahren die Friederisgrüße unbekannter Freunde und Freundinnen gehäuft, die jenseits des Eisernen Vorhangs wohnen. Zoll, Polizei und Staatsanwaltschaft hatten das in tatkräftigem Einsatz festgestellt und registriert. So blieb dem Werner Haak nichts übrig, als seine Situation durch ein umfassendes, lückenloses Geständnis zu erleichtern. Das tat er.

Der Kripo-Mann nickte befriedigt und erklärte dann, das sei ja alles nicht so schlimm. Er – Haak – brauche nun nur noch ein Schriftstück zu unterzeichnen, daß er gegen eine formlose Vernichtung solcher Briefe künftig nichts einzuwenden habe. Damit sei alles in bester Ordnung.