In der Ausgabe der ZEIT vom 6. März 1958 berichteten wir über die Hauptversammlung der Siemens & Halske AG. Dabei gaben wir eine Rechnung des Aufsichtsratsvorsitzenden Dr.-Ing. Ernst v. Siemens wieder, die sich mit dem Ertragswert der Siemens-Aktie beschäftigt. Diese Rechnung wird in der am 15. März 1958 erscheinenden Ausgabe der Zeitschrift "Das Wertpapier" (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) angegriffen:

Dr. Ernst v. Siemens hat in seiner Stellungnahme zur Dividendenpolitik des Unternehmens u. a. folgendes ausgeführt: Wenn der Ertragswert der Siemensaktie nach den Beträgen errechnet werde, die den Aktionären seit 1952 in Form von Dividenden und Bezugsrechten bei den beiden Kapitalerhöhungen zugeflossen seien, so ergebe sich für diese Jahre eine jährliche Rendite von 11,5 v. H., bezogen auf den heutigen Kurs (= 24,63 v. H. auf den Nominalwert der Aktie).

Hier ist Herrn Dr. v. Siemens ein Irrtum unterlaufen. Bei einem Bezugsrecht für die Aktionäre wird nach Ablauf der Bezugsfrist bekanntlich an der Börse der sogenannte Bezugsrechtabschlag vorgenommen, d. h. der Durchschnittswert, zu dem das Bezugsrecht an drei Börsentagen gehandelt wurde, wird von dem Börsenkurs der alten Aktien in Anzug gebracht.

An einem angenommenen Beispiel erläutert, wickelt sich dieser Vorgang wie folgt ab: Die Gesellschaft A bietet den Aktionären junge Aktien im Verhältnis 3:1 zum Bezugskurs von 100 v. H. an, der Börsenkurs der alten Aktien stellt sich auf 180 v.H. Gleiche Dividendenberechtigung der jungen und der alten Aktien vorausgesetzt, errechnet sich der Wert des Bezugsrechtes mit 20 v. H. Angenommen, die Börsennotiz des Bezugsrechtes erfolge zum Kurse von 20 v. H., so würde der Bezugsrechtabschlag gleichfalls 20 v. H. betragen, d. h. der Kurs der alten Aktien würde ex Bezugsrecht mit 160 v. H. (180 v. H. minus 20 v. H.) notiert werden. Macht der Aktionär, der z. B. DM 3000 v. H. alte Aktien besitzt, dann Bilanz, so besitzt er nach Ausübung des Bezugsrechtes DM 3000 alte Aktien und DM 1000 junge Aktien, die auf Grund des Börsenkurses von 160 v. H. einen Gesamtwert von DM 6400 repräsentieren. Das entspricht dem Wert seiner DM 3000 alten Aktien, einschl. Bezugsrecht zuzüglich des gezahlten Bezugspreises für die jungen Aktien in Höhe von DM 1000.

Bezieht der Aktionär keine jungen Aktien, sondern verkauft das Bezugsrecht, so ergibt sich für ihn folgende Rechnung: DM 3000 alte Aktien ex Bezugsrecht zum Kurse von 160 v.H. = DM 4800, dazu der Erlös aus dem Verkauf von DM 3000 Bezugsrechten = DM 600 insgesamt also DM 5400 Dies entspricht ebenfalls dem Wert von DM 3000 alten Aktien einschl. Bezugsrecht.

Wo ist in beiden Fällen dem Aktionär irgendwie ein Ertrag zugeflossen? Eine Kapitalerhöhung ist in ihrer Auswirkung zunächst nichts anderes, als eine Verwässerung des Aktienkapitals, durch die sich die unveränderten Vermögenswerte zuzüglich der Einzahlungen für die jungen Aktien auf ein vergrößertes Eigentümerkapital verteilen, d. h. der nach Durchführung der Kapitalerhöhung auf jede Aktie entfallende Anteil am Vermögen des Unternehmens verringert sich. Dies kommt in dem Bezugsrechtabschlag auf den Börsenkurs zum Ausdruck. Darum ist ein Bezugsrecht keineswegs ein Geschenk an den Aktionär, das dieser als Ertrag vereinnahmen kann, sondern es bringt lediglich eine Besitzumschichtung, die dem Aktionär weder Vermögenszuwachs noch sonstige Erträgnisse zufließen läßt, gleichgültig, ob er das Bezugsrecht ausübt oder verkauft.

Selbstverständlich kann bei einem gut florierenden Unternehmen und bei entsprechender Börsentendenz nach dem Bezugsrechtabschlag der Kurs der Aktien anziehen und den Bezugsrechtabschlag zum Teil oder ganz wieder einholen. Dann handelt es sich aber um eine Börsenkurssteigerung, die weder als Zuwendung der Verwaltung herausgestellt, noch dem Aktionär neben der Dividende als zusätzliches Erträgnis aus seinem Aktienbesitz und damit als Teil der Rendite angerechnet werden kann. Auf der anderen Seite hat auch nach Kursrückgängen noch keine Verwaltung den Aktionären vorgerechnet, daß ihre Aktien unter Berücksichtigung der Kursrückgänge überhaupt keine Rendite gebracht haben. Daß es auch solche Aktien gibt, deren Dividende in den letzten Jahren durch Kursrückgänge und damit Vermögensschwund aufgezehrt worden ist, können viele Montan-Aktionäre bestätigen. Pst.