Paris, im März

Man hat in Paris mit Spannung darauf gewartet, wie Inland und Ausland auf die beiden außenpolitischen Versuchsballone reagieren wurde, die Ministerpräsident Gaillard in seiner Kammerrede vom vorigen Freitag aufsteigen ließ. Einen Verteidigungspakt der Staaten des westlichen Mittelmeeres hatte er vorgeschlagen, wie ihn Spanien schon lange anstrebt, ferner eine französische Zusammenarbeit mit den maghrebinischen Staaten bei der Ausbeutung der Saharaschätze. Das sind zwei recht verschiedenartige Pläne, von denen der zweite, sich zaghaft jener Idee einer französisch-maghrebinischen Föderation nähert, die vom König von Marokko, vom tunesischen Staatschef und in Frankreich von Mendès-France seit langem schon als einzig mögliche vernünftige Lösung des Nordafrika-Konflikts angesehen wird.

Freilich – die Reaktion war im Inland wie im Ausland überraschend lau. Gaillards Pläne riefen weder Begeisterung noch Empörung hervor; sie wurden bloß mit kühler Interessiertheit zur Kenntnis genommen. Das aber liegt daran, daß alle solche Konstruktionen in der Luft hängen, solange es in Algerien brennt.

Die vorgesehenen europäischen Partner scheuen offensichtlich vor einem Pakt zurück, der sie unter Umständen an der unangenehmen Verantwortung Frankreichs beteiligen könnte: In Marokko und Tunesien hingegen wird darauf hingewiesen, daß Gaillard sich über Algeriens Rolle in der angestrebten Föderation ausgeschwiegen hat. Würde Algerien mit Frankreich, Tunesien und Marokko als gleichberechtigter vierter (oder bei einer Teilnahme Libyens als fünfter) Partner in diese Föderation eintreten, oder soll weiter an der Fiktion festgehalten werden, daß Algerien ein integrierender Bestandteil Frankreichs sei?

Auch in Frankreich selbst sind die Pläne Gaillards auf Mißtrauen gestoßen. Seine unentwegtesten Feinde halten sie offensichtlich bloß für ein rhetorisches Manöver, mit dem Zeit gewonnen werden soll. Und was Gaillards Regierungsmehrheit betrifft, so verdächtigen die Sozialisten anscheinend die Rechte, daß sie über den Westmittelmeerpakt die Ehe mit Franco anstrebe. Die Rechte ihrerseits hat den Ministerpräsidenten im Verdacht, daß er, der Schüler Monnets, diese Pläne nur entwickelt haben könnte. um unter ihrem Schutz die Internationalisierung des Algerien-Problems (das heißt: seine Amerikanisierung) zu akzeptieren. Kurz: eine allzu große Atempause dürfte der junge französische Regierungschef nicht gewonnen haben. Armin Mohler