Von Ludwig Marcuse

Es war im Krieg. Es war das Jahr 1917 Es war in Königsberg, der alten Hauptstadt des Königreichs Preußen. Leopold Jeßner war Leiter des Neuen Schauspielhauses. An seinem Theater spielten Grete Um, Lucie Mannheim, Martha Hartmann, Grete Bäck, Clemens Wrede. Einer der Regisseure hieß Julius Bab. Es wehte schon recht frisch, nicht nur von der See. Georg Kaisers „Rektor Kleist“ wurde damals in Königsberg uraufgeführt.

Die eine Jeßner-Aufführung erregte besonderes Aufsehen. Er ließ Hebbels „Judith“ in das jüdische Chanukka-Lied ausklingen. Das wurde angegriffen. Ich war ein blutjunger Beamtenstellvertreter der deutschen Armee, hatte kein Amt, vertrat niemand, saß fast jeden Abend im Neuen Schauspielhaus – und mischte mich ein. Ich verteidigte Jeßner, warf ihm aber das optimistische Finale vor, weil er die „Judich“-Tragödie mit dem Triumphlied zugedeckt hatte. Jeßner ließ mir sagen, er möchte mich sehen, So beginnen meine Erinnerungen, vor vierzig Jahren.

Zunächst behielt der optimistische Jeßner recht – nicht nur deshalb, weil seine „Judith“ ein stürmischer Erfolg war. Es kam der November 1918. Der glühende Sozialist und patriotische Ostpreuße war nun ganz sicher, daß Deutschland endgültig gerettet sei. Wir, eine kleine Schar junger Menschen, erhielten von Berlin den Auftrag, eine Ortsgruppe des „Rates geistiger Arbeiter“ zu gründen. Jeßner kam uns Unerfahrenen zu Hilfe, er kam auch zu unserer Gründungsversammlung. Er überragte uns alle – körperlich wie als Taktiker; und erzählte der Stadt, daß wir Jünglinge einer glänzenden Zukunft entgegenschritten. Von dieser Stunde an war er „unser Jeßner“.

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„Unser Jeßner“ war bald darauf Chef des führenden Theaters im jungen Staat und seiner lebendigsten Stadt. Dieses Berlin wurde damals von einem gebürtigen Lübecker, der in München ansässig war, von Heinrich Mann, hymnisch besungen. Er, das geistige Oberhaupt der Weimarer Republik, schrieb im Jahre 1921: „Die Zukunft Deutschlands wird heute andeutungsweise vorausgelebt von Berlin. Wer Hoffnung fassen will, blicke dorthin. Das Heldengedicht Berlin wird erst in der jetzt kommenden Epoche zu schreiben sein. Berlin wird, so wenig es sich dies je träumen ließ, die geliebte Hauptstadt sein“. Wenn je dies „Heldengedicht Berlin“ geschrieben werden wird, der Ostpreuße Leopold Jeßner wird einer der Helden sein.

Als Dramaturg hatte er aus Königsberg einen jungen, schmalen, weißlich-blonden Doktor der Philosophie mitgenommen, der gerade bei Fritz Strich mit einer Arbeit über Georg Büchner promoviert hatte: Heinz Liepmann. Er wurde mit Recht vom Theaterjargon „der Christengel“ getauft. Jeßner entsandte ihn in alle Ecken des Hauses, in denen es brenzlig wurde. Und es knisterte oft im Gebälk. Liepmann löschte, mit der sanftesten Stimme.