Von Ludwig Marcuse
Es war im Krieg. Es war das Jahr 1917 Es war in Königsberg, der alten Hauptstadt des Königreichs Preußen. Leopold Jeßner war Leiter des Neuen Schauspielhauses. An seinem Theater spielten Grete Um, Lucie Mannheim, Martha Hartmann, Grete Bäck, Clemens Wrede. Einer der Regisseure hieß Julius Bab. Es wehte schon recht frisch, nicht nur von der See. Georg Kaisers "Rektor Kleist" wurde damals in Königsberg uraufgeführt.
Die eine Jeßner-Aufführung erregte besonderes Aufsehen. Er ließ Hebbels "Judith" in das jüdische Chanukka-Lied ausklingen. Das wurde angegriffen. Ich war ein blutjunger Beamtenstellvertreter der deutschen Armee, hatte kein Amt, vertrat niemand, saß fast jeden Abend im Neuen Schauspielhaus – und mischte mich ein. Ich verteidigte Jeßner, warf ihm aber das optimistische Finale vor, weil er die "Judich"-Tragödie mit dem Triumphlied zugedeckt hatte. Jeßner ließ mir sagen, er möchte mich sehen, So beginnen meine Erinnerungen, vor vierzig Jahren.