Professor Dr. Eugen Kogon – doch sonst als glänzender Diskussionsleiter ein Mann nach meinem Geschmack – brachte diesmal mein Rechtsgefühl schon mit seinen ersten Worten in Alarmzustand. War es denn gerechtfertigt, das Frankfurter Fernseh-Streitgespräch über die Frage "Müssen Illustrierte so sein?" derart einzuleiten? Zwar dezent, aber auch entschieden deutete Kogon an, daß auch er mit den Illustrierten nicht einverstanden sei. Er sagte dies, noch bevor das Startsignal für die zivilisierten Kampfhähne gegeben war.

Auf der Seite der "Kläger" saßen der Soziologe Dr. Hans Paul Barth, der Schriftsteller Alfred Andersch und Jürgen Neven Dumont, der Verleger des "Kölner Stadtanzeigers". Auf der Seite der "Angeklagten" saßen Helmuth Kindler, der Verleger der "Revue", und Henri Nannen, der Chefredakteur des "Stern". Zwischen beiden stand ein leerer Stuhl. Der Vertreter von "Quick", der sicher manches zu dem Gespräch hätte beisteuern können, hatte im letzten Augenblick abgesagt – was Kogon mit dramaturgischem Geschick hervorhob.

Die Ausgangsposition für die Männer der Illustrierten schien nicht eben günstig. Sie sahen sich Anwälten der kulturellen Mission gegenüber, und die fingen geharnischt an. Sie forderten mehr Geschmack und höheres Niveau, verlangten Erziehung des Publikums. Sie holten auch Beweisstücke herbei, angefangen mit den Titelbildern, auf denen lauter (mehr oder minder) hübsche Mädchen zu sehen waren.

Die "Angeklagten" legten sich ins Zeug. Was die Mädchen-Bildnisse betrifft, führte Nannen den Beweis des Verkaufserfolges an. Ein Titelbild mit Adenauer, auf dem Esel reitend in Griechenland, habe nun einmal über 14 v. H. Remittenden ergeben, während die Ausgaben mit den Mädchen nur etwa 6 v. H. aufweisen. So? Die Ankläger meinten, die Illustrierten oktroyierten dem Volk etwas auf, was es gar nicht wolle? Ist’s nicht im Gegenteil – sagte Nannen – jede Woche eine freie Volksabstimmung, da die Illustrierte nicht abonniert, sondern in freiem Verkauf erworben wird: jeder Käufer also jede Woche neu sein Ja sagen muß?

Es war ein eigentümliches Schauspiel. Die Anwälte des kulturellen Gewissens gingen wohl deshalb in diesem Streitgespräch nicht gerade als Sieger hervor, weil offensichtlich bei ihnen Animositäten im Spiele waren, wo es doch auf die Profilierung und Stoßkraft der Argumente angekommen wäre. Als der Vorwurf erhoben wurde, daß die Illustrierten zu 50 v. H. aus Anzeigen bestehen, schlug Nannen, der mit Kindler längst Oberwasser bekommen hatte, mit der Statistik zurück: mit dem Nachweis, daß ein Blatt, das heute für 50 Pfennig verkauft wird, 80 kosten müßte, brächte es keine Anzeigen.

Man muß es unbedingt noch sagen: Kogon erwies sich im Laufe des Rundgesprächs denn doch wieder als ein äußerst fairer Diskussionsleiter. Er verfolgte sogar die Schlappe seiner Gesinnungsgenossen mit korrekter Haltung. R. D.