In der Rue Lauriston, dem Pariser Hauptquartier der Gestapo, schrien im Jahre 1943 die eingekerkerten Franzosen vor Schmerz und Qual – ganz Frankreich konnte es hören. In jenen Tagen war der Ausgang des Krieges noch ungewiß, und niemand mochte sich die Zukunft vorstellen. Aber eines schien damals auf alle Fälle unmöglich: daß eines Tages Menschen zum Schreien gebracht werden könnten von Leuten, die in unserem Namen handeln.

Unmöglich gibt es im Französischen nicht: Im Jahre 1958. werden in Algerien andauernd systematisch Menschen gefoltert. Vom Ministerresidenten Lacoste bis hinunter zum letzten Farmer im Aveyron weiß das jedermann, aber fast niemand spricht davon. Bestenfalls durchbrechen wenige dünne Stimmen die Mauer des Schweigens. Frankreich ist beinahe so stumm wie unter der deutschen Besatzung. Aber damals hatte es eine Entschuldigung – es war geknebelt.

Im Ausland hat man bereits die Schlußfolgerung gezogen. Einige sagen, unser Niedergang habe 1939 begonnen; andere meinen, er habe schon 1918 eingesetzt. Das ist freilich zu sehr vereinfacht. Ich kann nicht an die Verworfenheit eines ganzen Volkes glauben. Eher glaube ich an Trägheit und Dummheit.

Jeder kann zum Opfer werden

Als der englische Rundfunk und die Untergrundpresse während des Krieges von dem Massaker in Oradour berichteten, haben wir die deutschen Soldaten beobachtet, wie sie harmlos durch die Straßen schlenderten, und haben uns gesagt: "Sie sehen aus wie wir. Wie können sie das alles tun?" Und wir waren stolz auf uns selbst, weil wir es unbegreiflich fanden.

Heute wissen wir, daß es da nichts zu begreifen gab. Der Verfall ging allmählich und unmerklich vor sich. Aber wenn wir jetzt den Kopf erheben und in den Spiegel blicken, dann sehen wir ein ungewohntes, hassenswertes Bild: uns selbst.

Voller Entsetzen entdecken die Franzosen heute diese schreckliche Wahrheit: Nichts kann ein Volk vor sich selbst schützen – seine Traditionen nicht, seine Treuebegriffe nicht, auch nicht seine Gesetze. Und wenn 15 Jahre ausreichen, die Opfer in Henker zu verwandeln, dann ist das Benehmen eines Volkes eben nichts anderes als eine Frage der Umstände und der Gelegenheit. Ein jeder von uns kann zu jeder Zeit entweder Opfer oder aber Henker werden... Glücklich sind jene, die starben, ohne sich fragen zu müssen:.,Wenn sie mir die Fingernägel herausreißen – werden sie mich zum Reden bringen?’ Doch noch glücklicher sind diejenigen, die sich noch nie jene andere Frage vorlegen mußten: ‚Wenn meine Freunde, meine Kameraden, meine Vorgesetzten in meiner Gegenwart Gegnern die Fingernägel ausreißen – was werde ich dann tun?‘