Wo blieb der große Theaterwinter?

Von Thilo Koch

Nach der theatralischen Riesenwelle der "Berliner Festwochen" kam im Winter kein rechter Aufschwung mehr über die Stange. Der Berufskritiker konnte vielleicht hie und da rühmlichen Fleiß konstatieren. Wer das Glück hatte, als Liebhaber ins Parkett schlendern zu dürfen, dem blieb zunächst nur zweierlei im Gedächtnis: ein freches Stück, John Osbornes "Blick zurück im Zorn", und eine diabolische Rolle, Günther Lüders im "Besuch auf einem kleinen Planeten". Ja – und dann noch einige Worte vielleicht über einen ziemlich frischen Pirandello in der "Komödie" und einen ziemlich verschmockten Shaw im "Schillertheater".

In Osbornes Zorn-Spiel findet manch Zuschauer sich wieder, wie er in seinen Zwanzigern auch war: unausgeglichen, dynamisch, ungerecht, liebeübervoll und eben wirklich – zornig. Das Leben zähmt dann; man wird zum Ernährer: gerecht, resigniert, kühl, korrekt.

Klaus Kammer spielt den zornigen Jimmy Parker ungemein intensiv. Friedrich Siemers, sein kameradschaftlich-trockenes zweites Ich, der gute Kumpel an sich, pendelt ihn gut aus. Aber die Damen, denen Jimmy seinen Zorn über das Plättbrett, über die Couch und vor die unsicheren Füße knallt? Osborne hat sie schon ziemlich richtig ins Stück gesetzt, aber ganz gelungen sind sie ihm nicht: bleiben beide mehr die Idee von einer Frau. Und Julia Costa und Lore Hartling sind nicht sehr erfolgreich bemüht, in die blasse Kunst pralle Natur zu bringen. Barlog selber, der Intendant der Städtischen Bühnen, hat das in seinem Stammhaus, dem Steglitzer "Schloßparktheater", inszeniert. Nicht übel.

Lüders im "Renaissance-Theater"! Er muß den Mann vom andern Stern machen, kommt in "Fliegender Untertasse" auf die Erde: "Besuch auf einem kleinen Planeten". Oberirdische Kräfte hat dieser "Kreton" und könnte mit der Kraft seiner geistigen Konzentration leicht zum Diktator der uneinigen "Welt" werden, um sie gewaltsam zu einigen. Nur leider spielt er gerne Krieg – wie andere elektrische Eisenbahn – und gottlob gibt es einen ,Delton 4", der noch über ihm steht und rechtzeitig in einer anderen "Untertasse" eintrifft, um "Kreton" an der Weltkriegsentfesselung zu hindern.

Geschrieben hat diese Satire ein junger Amerikaner. Gore Vidal, von dem die Sage geht, er habe schon einige hundert (!) Fernsehspiele gemacht. Sehr hübsch arbeitet er denn auch eine Parodie aufs Fernsehen in Amerika kabarettistisch ein.

Bemerkenswert präsent, wenn auch ein bißchen überdreht, Erich Fiedler als Starkommentator. Bemerkenswert matt und verfehlt albern Bruno Fritz als General; allzu verblendend gleißt diesem einst beliebten Berliner Komiker die dreiste Selbstgefälligkeit von den falschen Schulterstücken.

Wo blieb der große Theaterwinter?

Dann aber Günther Lüders den wir leider zu oft als Charge sich in Nebenrollen verbrauchen sahen. Hier bestreitet er den Abend; er spricht so nuanciert und intelligent, daß man ihm einmal einen großen Text wünschte. In den tiefen Lagen trifft er die diabolische Diktatorenlust mit genau dem bedrohlich heiteren Ton, den der Autor sich wünschen mochte. Übrigens ein gut aussehender junger Herr aus New York, dieser Mister Vidal, der zur Premiere hier war, ernst und clever, seriös gekleidet in einen schwarzen Cashmere-Mantel mit Samtkragen.

Shaw: Keß war er, zur rechten Zeit an der richtigen Stelle. Das begründete den Ruhm, das war sein großes Verdienst. In die muffigen Portieren der Bourgoisie blies er den Wind eines sarkastisch realistischen Humors. Sein Witz sprengte Vorurteile. Und begründete neue.

G.B.S. war fortschrittlich und wurde alt. Sein "Arzt am Scheidewege" im "Schillertheater" aber ist eine lange, niemals konsequente, ganz undramatische Erzählung von Problemen, die er mit sicherem Instinkt umgeht, wenn es ernst wird. Ist es ein Sakrileg, simpel und hart festzustellen: Bernard Shaw weicht aus? Sartre zum Beispiel ist ein Riese an Konsequenz gegen ihn. Und Hasenclever in dem wunderbaren "Ehrenwerten Herrn" fand ich witziger.

Walter Franck spielte den "Arzt am Scheidewege" – wie alles – mit Anstand. Könnte er auch mehr leisten? Und Rolf Henniger legte schon Überzeugtheit vor, wo es irgend anging. Eva-Katharina Schulz sah gut aus und machte Statur.

Umständlicher Titel: "Der Mann, das Tier und die Tugend". Italienisch klingt er wenigstens: "L’uomo, la bestia e la virtù." Noch besser klingt des Autors Name: Luigi Pirandello. Ganz so schwingend und farbig ist dann die Liebeskomödie nicht. Auch schwer zu besetzen. Peter Mosbacher hat schon die Figur; aber er spielt den verliebten Privatlehrer mit der Umkehrung der gleichen Mittel, die er seinerzeit für den Kovalski in "Endstation Sehnsucht" hatte. Müßte er nicht allmählich ganz andere Tonarten entwickeln können, wenn er ein bedeutender Schauspieler werden will? Edith Schneider, wie immer angenehm zu sehen, hier sogar mit einer komischen,selbstparodierenden Note, die der hübschen Frau gut steht. Überlegen Paul Esser als der polygame Kapitän Perella, der es mit allen Weibern der Meere hat, nur seine eigene Frau nicht anrührenmag. Damit ist freilich die Handlung auch schon beinahe umschrieben. Trotzdem, viel erotisches Gaudi, Dietrich Haugk brav geordnet. Fehlt die Delikatesse im Stück oder fehlt sie den Darstellern oder bleibt der Regisseur sie schuldig? Hübsche Studie in trotzigem Phlegma eines possierlichen Dienstmädchens: Ilse Kiewiet.

Auf der Suche nach der verlorenen Spielzeit kamen diese Erinnerungen in den Sinn. Eine willkürliche Auswahl, gewiß. Einige Skizzen, die das gute Geld, den ehrlichen Schweiß nicht recht würdigen, die man in den Theatern der alten Hauptstadt auch diesmal wieder investierte. Nicht jede Ente ist gut. Diese war alles in allem von nicht ganz so untermäßigem Durchschnitt, wie kritische Nörgelsucht weismachen möchte. Schließlich: wo in Deutschland sonst gab es denn einen großen. Theaterwinter?