A. M., Paris, Mitte März

Der General Charles de Gaulle stand schon immer vor den Toren der Republik. Bei jeder der vielen Krisen, welche die Vierte Republik in den letzten Jahren erlebt hat, setzte automatisch das Raunen und Wispern ein: de Gaulle wird uns retten. Aber heute ist schon fast ein Sturm daraus geworden – seit der Nordafrika-Konflikt für Frankreich nach einer Periode des Zweck-Optimismus auswegloser denn je geworden zu sein scheint.

Verwirrend ist jedoch, daß allzu verschiedenartige Politiker vom einstigen Chef des "Freien Frankreich" als dem einzig möglichen Retter in der Not sprechen. Was soll man schon davon halten, wenn zu gleicher Zeit ein Soustelle als Verfechter einer "harten Politik" in Nordafrika und ein François Mauriac als das Symbol einer Verständigung mit der islamischen Welt nach de Gaulle rufen? Welche Antriebe stehen dahinter?

Zum einen zeigt der Fall de Gaulle, daß in dem angeblich so rationalen französischen Volk eine tüchtige Portion Wunderglaube steckt. Eine Arbeiterfrau hat mir kürzlich in einer halbstündigen Rede aufgezählt, was sie von einer Rückkehr de Gaulles an die Macht in felsenfester Überzeugung erwartet: ihr Sohn wird aus Algerien zurückkehren, die Sidis werden keine Bomben mehr werfen, der Lohn ihres Mannes wird erhöht und die Wohnung endlich gebaut werden, auf die die vierköpfige Familie in ihrem einen Zimmer seit 15 Jahren wartet. Und in diesem Wunderglauben unterscheiden sich so manche Politiker nicht allzusehr von den simpelsten unter ihren Wählern. Hat de Gaulle nicht schon einmal Frankreich wieder nach oben geführt, als schon alles verloren schien?

Der zweite Antrieb ist verschwiegenerer Art. In dem Ruf nach dem "starken Mann" steckt auch der Wunsch so manches Abgeordneten, die Verantwortung für eine am Horizont heraufziehende Katastrophe von sich wegzuschieben. Es ist kaum damit zu rechnen, daß Mendès-France ein zweites Mal den Liquidationsverwalter für die Fehler der anderen machen würde, um dann nachher "der Verschleuderung des Empires" angeklagt zu werden. (Er soll in diesen Tagen erklärt haben: "Ich bin doch kein Selbstmörder.") Und ein Verlust Afrikas wäre ein noch mörderischerer Schlag für Frankreich, als es der Verlust Indochinas war. Da müßte schon der Mann den Buckel hinhalten, der durch sein jahrelanges Schweigen zu einer Art mythischer Gestalt geworden ist.

Dieses Schweigen aber ist schuld daran, daß niemand genau weiß, welche Politik de Gaulle bei einer Rückkehr an die Macht eigentlich durchführen würde. Mehr noch: man weiß nicht einmal, ob er überhaupt an die Macht zurück will. Nach den einen hat sich sein altes Augenleiden zu fast völliger Erblindung gesteigert, nach anderen wieder wehrt sich seine Frau verzweifelt gegen jede Rückkehr ihres Gatten in die aktive Politik. Nur eines steht fest: einen Putsch wird de Gaulle nie machen. Er wird die Macht nur ergreifen, wenn sie ihm von der Republik, ihrem Parlament und ihrem Präsidenten auf dem Tablett angeboten würde. Der General aber, daran zweifelt niemand, würde dann die absolute Macht fordern. Das Parlament würde nach Hause geschickt.

Eine solche "befristete Diktatur hätte jedoch ihre Haken. Mendès konnte man nach einem halben Jahr, als die Stürme sich gelegt hatten, wieder abhalftern. Von de Gaulle aber sagte ein Abgeordneter: "Das Problem ist nicht, wie wir ihn holen – das Problem ist vielmehr, wie wir ihn dann wieder loswürden."

Darum kann man zum Geraune um de Gaulle nur sagen: Der Rückgriff auf den General ist eine Kurzschlußlösung, zu der es nur unter dem Druck einer Katastrophe kommen könnte. So weit ist es aber noch nicht.