Von Günter Block er

Wenn ein Schriftsteller nicht mehr aktuell ist, tritt er in das Stadium seiner eigentlicher Wirkung. An keinem Autor kann man dieses Phänomen heute so deutlich beobachten wie an George Bernard Shaw. Der Thesenschriftsteller und Zweckdramatiker, für den die Kunst nur das "subtilste, verführerischste, wirkungsvollste Mittel der moralischen Propaganda" war, ist überholt, veraltet, widerlegt. Der Dichter jedoch – oder genauer: der Gestaltenschöpfer – lebt. Die Konstruktionen und das Ideengerüst seiner Stücke zeugen gegen das, was ihr Urheber wollte; aber die Gestalten – eine Johanna, ein Marchbanks, ein Keegan, eine Barbara, eine Lady Cicely – zeugen für das, was er war.

In diesem Stadium wird nun auch der Mensch Shaw interessant. Solange er nur der als down kostümierte Ideentrompeter zu sein schien, hatte man sich wenig um ihn gekümmert: die selbst verfertigte Maske schien wichtiger als das, was sie verbarg, G.B.S. siegte über George Bernard Shaw. "Mir den Karren und die Trompete" hatte der (eigentlich schüchterne) junge Mann ausgerufen. Er war der Meinung, daß man die Menschheit mit groben Reizen traktieren müsse, um sie zu ernsthafter Besinnung zu bringen. So hatte er sich selbst die Rolle des Schreiers und Spaßmachers zudiktiert, aus der er, in eigener Schlinge gefangen, nicht mehr herauskam. Noch der 94jährige muß – ein wenig kläglich – bekennen, daß ihm jedesmal, wenn er eine ernste Antwort geben wolle, gleichsam gewohnheitsmäßig der "Clown zwischen den Knien hervorspringe".

Heute lockt es uns, die menschlichen Gründe kennenzulernen, die Shaw so beflissen im Dunklen ließ und aus denen doch sein Eigentliches kam. Insbesondere die Rolle der Frau in diesem scheinbar nur von Ideen beherrschten Leben verlangt nach Aufhellung: die manage blanc mit der mütterlichen Charlotte Payne-Townshend; die Briefliebe zu der großen Schauspielerin Ellen Terry, der er nie persönlich begegnete; das leidenschaftliche Intermezzo mit Stella Patrick Campbell, der ersten englischen Eliza im "Pygmalion".

Die sehr irdische Stella wurde grausam fallengelassen, und wie in Shaws Stücken, so siegte auch in seinem Leben der Typus der Heiligen. Shaw selber hatte ja, wie Chesterton sehr fein bemerkt hat, etwas von einem säkularisierten Heiligen. "Er wäre", sagt Chesterton, "ein Heiliger des streng asketischen, vielleicht sogar streng weltverneinenden Typs geworden. Er hat jenes Merkwürdige, das den Heiligen kennzeichnet: er ist buchstäblich anweltlich."

Unter solchen Vorzeichen darf eine Neuerscheinung besondere Aufmerksamkeit beanspruchen, die uns einen in vieler Hinsicht neuen und überraschenden Shaw präsentiert:

"Freiheit jenseits des Gitters – Die Äbtissin Laurentia und George Bernard Shaw", aus dem Englischen von Jakob Laubach; Claassen Verlag, Hamburg; 214 S., 15,80 DM.