Von Wolfgang Clemen

Wenn es darum geht, zu schildern, wie unsere Universitäten unter dem Massenansturm der Studenten ächzen, ist wohl kaum einer besser qualifiziert als der Ordinarius eines der am meisten überlaufenen Studienfächer an der größten deutschen Universität: Professor Wolfgang Clemen, der Münchener Anglist, von dem achthundertfünfzig Studenten Belehrung und – Seminarscheine erwarten. Der Weg zu Professor Clemen führt über viele Studentenbeine hinweg, zwischen den Stühlen all derjenigen hindurch, die aus dem viel zu kleinen Englischen Seminar herausgequollen sind auf Korridore und Lichthöfe. Aus solcher Perspektive sehen sich Honnefer Modell und "Begabtenförderung" etwas anders an, als optimistische Sozialreformer sie zu sehen geneigt sind und als jeder sie gerne sähe.

Wer im letzten Semester in die Hörsäle einer der westdeutschen Universitäten hineingeschaut hat, wird sich unwillkürlich die Frage gestellt haben, wie denn das überhaupt weitergehen soll. Denn die Vorlesungen und Übungen der sogenannten großen Fächer, die mehr als drei Viertel aller Studenten auf sich vereiniget, sind derartig überfüllt, daß viele nur stehend an ihnen teilnehmen können, während nicht wenige angesichts der physischen Unmöglichkeit, nun das ganze Studium stehend zu absolvieren, die von ihnen belegten Vorlesungen nur noch zu einem kleinen Teil mitanhören. In den Bibliotheksräumen, die zu des Instituten der Massenfächer gehören, findet in der Regel weniger als ein Zehntel ihrer Studierenden einen Arbeitsplatz. Besonders gefragte Handbücher und Kommentare werden nur noch halbstundenweise nach mehrtägiger Vormerkungsfrist ausgeliehen. Normale Arbeitsbedingungen sind sehr selten geworden.

In den letzten sieben Jahren haben sich die Studentenzahlen an manchen Großstadtuniversitäten verdoppelt. Sie stiegen von 1951 bis zum letzten Wintersemester beispielspeise in Hamburg von 5050 auf 10 110, in Köln von 5997 auf 10 606, in München von 10 563 auf 15 348. Auch ein Teil der übrigen Universitäten hat eine ähnliche Entwicklung erlebt.

Über die Gründe für dieses Anwachsen der Studentenzahlen – vom ständig steigenden Bedarf an akademisch qualifizierten Kräften bis zum Streben nach besseren Berufschancen und sozialem Aufstieg – ist oft berichtet worden. Seit vorigen. Jahr aber hat dieser Prozeß noch eine besondere Beschleunigung erfahren durch die Einführung der Studentenförderung nach dem Honnefer Modell. Allein an der Universität München hat sich die Zahl der Studierenden innerhalb eines Jahres um mehr als zweitausend erhöht, und es ist damit zu rechnen, daß die Hochschulen nunmehr eine derartig rapide Aufwärtsbewegung ihrer Frequenzen erleben werden, daß alle Versuche, mit dem Massenansturm noch irgendwie fertig zu werden, zusammenbrechen könnten.

Das Honnefer Modell war seit langem gefordert worden, um das weitverbreitete Werkstudententum abzuschaffen und auch den Unbemittelten in größerem Umfang als bisher den Zugang zur Hochschule zu eröffnen. Es wäre verfrüht, jetzt schon ein Urteil darüber abzugeben, ob sich das Honnefer Modell bewährt hat. Bei seiner erstmaligen Durchführung im letzten Semester zeigte sich jedoch, daß in den meisten der Massenfächer die Feststellung der Eignung, die neben der Bedürftigkeit zur Voraussetzung für die Förderung gemacht wird, außerordentlich problematisch ist.

Schon die Aufnahme in die "Anfangsförderung", die in der Regel auf Grund der aus mehreren Kernfächern des Abiturzeugnisses errechneten Durchschnittsnote erfolgt, ist angesichts der bewertungsmäßigen Ungleichheit der Reifezeugnisse (je nachdem, welche Schule sie ausstellt), aber auch wegen der Fragwürdigkeit des hier angewandten mechanischen Berechnungsverfahrens verschiedensten Fehlerquellen ausgesetzt.